Blücher übernimmt die Nachhut
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Welche Bedeutung die Nachricht, Fürst Hohenlohe habe dieArmee durch alle Fährnisse hindurch glücklich zur Oder zurück-geführt, für den weiteren Kriegsverlauf hätte haben können, istheute schwer zu ermessen. Von großer Wirkung wäre sie sichergewesen. Nie ist von selbstgefälligen Wichtigtuern größeres Unheilangerichtet worden, als am 23. Oktober 1806 in Rathenow vonMassenbach.
In Neustadt erschien spät abends Blücher, der seiner Artillerie-kolonne vorausgeeilt war, beim Fürsten und übernahm von nunab die Führung der Nachhut, bei der die Gefahr auf dem Weiter-marsch besonders groß werden mußte.
Gefährdeter noch war die Division des Herzogs von Weimar ,der au diesem Tage erst die Gegend von Gardelegen jenseits derElbe erreichte. Auf sie konnte nicht gewartet, sondern sie mußteihrem guten oder bösen Geschick überlassen werden. Am 25. ginges also weiter, langsam, schwerfällig und schleppend. Hohenlohekam wohl bis Lindow , aber ein Teil der Seinen folgte noch weitrückwärts nach, und Blücher gelangte mit der Nachhut nicht vielüber Wusterhausen hinaus; die Seitenhut Schimmelpfennigs er-reichte Falkenthal. Auf dem neu eingeschlagenen Wege, wo für denMarsch keine Vorsorge getroffen war, wurden die Truppen nochmehr als bisher auf die seitlich entfernten Dörfer verteilt, um ihrenUnterhalt bei den Landleuten zu finden. Das erhöhte die An-strengung und kürzte die in der ersehnten Hauptrichtung über-wundene Strecke. Lebensmittel mit Güte oder gewaltsam beizutreibenund nach der Marschstraße heranschaffen zu lassen, wagte mannicht. Es wäre gegen die Gewohnheit der Zeit gewesen, hätte dempreußischen Sinne für Raub gegolten und wäre ganz gegen denGeist der Armee gewesen — diesen Geist, der seit dem Gefechtvon Schleiz schon so viel Unheil gestiftet hatte. Als ob derKräftezersplitterung noch nicht genug sei, blieb eine gemischte Ab-teilung an der Elbe stehen, um dem Herzog von Weimar dieHand zu reichen.
Trotzdem hätte die Rettung noch immer gelingen können,wäre das launische Kriegsglück den Preußen nur ein wenig holdgewesen. Aber es verließ seine ehemaligen Lieblinge, weil sie nichtmehr verstanden, es durch Kühnheit und Selbstvertrauen zu fesseln.Napoleon hatte die Preußen an der Elbe aus dem Auge verlorenund glaubte nicht mehr, sie noch erreichen zu können. Seine
Frhr. v. d, Goltz. Kriegsgeschichte S