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II. Der Krieg von 1806 und 1807
Lasalle übergab, die über Prenzlau bis vor die Wälle der Festungstreiften. Das starke Küstrin folgte ohne jeden Zwang diesemschmählichen Beispiele schon am 1. November. Der Kommandant,Oberst v. Jngersleben, heftig gedrängt durch den Kammerpräsi-denten v. Schierstaedt, sandte, um das angedrohte Bombardementzu verhüten, am Ende selbst einen Kahn über die Oder, um Feindeherüberzuholen, die seine starken, vom Strome geschützten Festungs-werke besetzten. Nur eine Woche später öffnete General v. Kleist demFeinde die Tore von Magdeburg , und 24 000 Mann kampftüchtigerTruppen legten auf Befehl ihres Führers die Waffen vor demweit schwächeren Korps Ney bedingungslos nieder. Als dann am20. November das starke Hameln mit dem mobilen Korps desGenerals Lecoq und sechs Tage darauf die kleine Festung Nienburg an ganz unbedeutende feindliche Abteilungen übergingen, waren,von Schlesien abgesehen, alle festen Plätze westlich der Oder inFeindes Hand.
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Schier unbegreiflich erscheinen uns heute diese Vorgänge. Siedurch persönliche Feigheit oder Verrat der Schuldigen erklären zuwollen, wäre ungerecht, so schwer sie sich auch an König undVaterland versündigt haben. Sie konnten alle auf eine ehrenvolle,zum Teil auf eine ruhmreiche Vergangenheit hinweisen. DerKleinmut und die Verzweiflung aber hatten sich einer ansteckendenKrankheit gleich mit reißender Schnelligkeit im Heere verbreitet:so allgemeinen Übeln liegen immer auch allgemeine Ursachen zu-grunde.
Der Krieg war in der Vorstellung der alten Schule zu einemSpiel geworden, bei dem es galt, Geist und Scharfsinn, nichtKraft zu entfalten, und bei dem das überlegene Kombinationstaleutam Ende die Oberhand über den einfachen geraden Sinn ge-winnen müsse.
Das hatte ganz gepaßt zu dem allgemeinen Zuge der Zeit,der die Aufklärung, die Befreiung von alten Vorurteilen, dieHumanität der Gesinnung, eine urbane Lebensart und am Endeden Genuß, den materiellen sowohl als das Schwelgen in Schön-geisterei und Vergnügen zum Endziel alles Strebens machte. Siehatte die rauhe Tugend längst im Preise sinken und ritterlicheAufopferung zur abgestandenen Narrheit werden lassen. Der Ge-danke, in den Tagen des großen Unglücks den Tod der Schande