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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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II. Der Krieg von 1806 und 1807

schwachen Divisionen zu einem allgemeinen der ganzen russischenArmee zu machen. Einer jener bedeutungsvollen Augenblicke wargekommen, von denen der Gott der Schlachten das Schicksal derStaaten abhängig macht. Die völlige Niederlage Soults, Lannes'. und Murats hätte das französische Übergewicht zum Teil aus-geglichen und dem Kriege eine andere Wendung geben können.Allein die kostbare Gelegenheit ward zum Unglück des Vater-landes versäumt.

Bennigsens Krankheit trat gerade an diesem verhängnisvollenTage so heftig auf, daß eine lang andauernde Ohnmacht ihn befiel.Fürst Gortschakow übernahm vorübergehend den Oberbefehl, aberdie Führung des Heeres war dennoch gelähmt, ein großer Entschlußbei solchem Wechsel der Personen erschwert.

Die siegreichen Truppen kehrten von der Verfolgung all-mählich wieder in ihre alten Stellungen zurück; der Tag ging zurNeige. Freilich wurde am Abend noch ein kräftiger Vorstoß gegenSchanze 2 zurückgewiesen, den die auf dem Schlachtfelde eintreffendeDivision Verdier vom Lannesschen Korps unternahm, allein auchdieser Erfolg blieb ein negativer, da er nicht mehr ausgenutztwerden konnte. Die Nacht setzte dem Kampfe ein Ziel, nur indem Gehölz am Großendorfer See dauerte das Schützengefecht bisMitternacht fort. Vom Lawdener Wäldchen aus vorgegangenefranzösische Tirailleurs hatten sich nach Vertreibung der schwachenrussischen Besatzung dort festgesetzt und behaupteten sich auf ihremvorgeschobenen Posten.

Die Verluste waren auf beiden Seiten große. Sie betrugen beiden Franzosen mindestens 12000, bei den Russen etwa 8000 Mann.Mit entschiedenem Rechte konnten diese sich Sieger nennen. Freilichwar damit wenig gewonnen. Nur der kleinere Teil der französischenArmee war abgewiesen worden, der größere noch im Herankommenbegriffen.

Man staunt, Napoleon, der wie kein anderer Feldherr dieVorsicht mit der Kühnheit zu paaren wußte, bei Heilsberg einenFehler begehen zu sehen, den er selbst stets lebhaft getadelt undfönst sorgsam vermieden hatte. Es war der Fehler Friedrichsvon Kolin der Angriff mit ungenügenden Kräften, für den erden Grund durch die unzweckmäßige Anordnung des Vormarschesselbst gelegt hatte. Täuschte er sich in dem Urteil über die Stärkedes Gegners oder hoffte er, daß kühnes Zugreifen ihm den Erfolg,