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I V. Die Befreiungskriege
1. Mai den allgemeinen Vormarsch in der Richtung auf Markran-städt fortzusetzen. Langsam und fechtend wichen auch vor ihm dieVortruppen der Verbündeten von der Saale gegen die Elster süd-lich Leipzig zurück.
Im russisch -preußischen Hauptquartier war inzwischen auf TollsRat die Vereinigung des Heeres südlich Leipzig zwischen dieserStadt und Borna angeordnet worden, um dem Kaiser eine Schlachtzu liefern. Am 1. Mai versammelte sich die Hauptmasse des Heeres,zurzeit 71200 Mann im ganzen stark, um Rötha . Sie gingeiner zwiefachen Überlegenheit entgegen. Rechts blieb Kleist mit5000 Mann und 400 Kosaken zum Schutze Leipzigs bei Lindenau stehen, links entsandt, ging Miloradowitsch nach Altenburg vor.Der erste entscheidende Waffengang der neuen Heere mit ihremalten Besieger sollte nun folgen. (S. Skizze 23.)
Des Kaisers Plan war, am 2. Mai mit der linken KolonneLeipzig zu besetzen, von der mittleren das vordere Korps Ney inder Gegend von Lützen anzuhalten, die übrigen und so auch dierechte Kolonne Bertrand heranrücken zu lassen. Denn er hatte er-fahren, daß die Verbündeten, die vor ihm gestanden, von der Saale auf Zwenkau südlich von Leipzig zurückgegangen seien und daßauch von Leipzig Truppen abmarschiert wären — wohin, das warungewiß. Mit dem ihm eigenen Scharfsinn aber nahm er dieVersammlung der Verbündeten richtig in der Gegend von Zwenkau und Pegau an. Sollten sie ihn am 2. Mai angreifen, so wollteer sich mit der Mitte zunächst verteidigen, mit den beiden Flügelnumfassend vorgehen. Wenn sie stehen blieben, so beabsichtigte erden Angriff, wobei sein linker Flügel über Leipzig ihnen in Flankeund Rücken gehen sollte, um sie auf die böhmische Grenze zurück-zuwerfen. Die ältere Annahme, daß Napoleon sich getäuscht,die Verbündeten hinter Leipzig vermutet und durch ihren Flanken-stoß von Süden her am Schlachttage von Groß-Görschen überraschtworden wäre, ist also eine irrige.
Die Kriegslage erinnert ein wenig an die verhängnisvollenOktobertage von 1806. Mit dem Marsche auf Leipzig umgingNapoleon zunächst die rechte Flanke der Verbündeten, sie so vonihren Hilfsquellen trennend, noch ehe sie versammelt waren. Den-noch sind die Verhältnisse hier andere. Von seiten der Verbün-deten erfolgte kein erschreckter Rückmarsch, wie ihn der Herzog vonBraunschweig am Tage vor Auerstedt ausgeführt hatte, sondern