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1 (1910) Im Zeitalter Napoleons
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Zustände in der französischen Armee

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Kriegsinstrument bei der ununterbrochenen Fortsetzung der Märscheund Gefechte einer inneren Auflösung verfallen werde, welche dieWiederherstellung unmöglich machte. Wie begründet diese Besorgniswar, zeigte sich sofort nach Eintritt der Waffenruhe, als die über-natürliche Anspannung der Kräfte nachließ und verheerende Krank-heiten in den Reihen des Heeres um sich griffen. Augenschein-lich war dasselbe der Kraftprobe nicht gewachsen, der es durch denKrieg unterzogen wurde.

Die kurze und matte Verfolgung nach der Bautzener Schlachthatte einen Abgang von nahe an 11000 Mann verursacht, trotz-dem nur wenig Gefechte vorgefallen waren, und er wuchs vonTage zu Tage in erschreckender Art. Ganz ungenügende Aus-bildung und Vorbereitung der Mannschaft, mangelhafte Fürsorgejeder Art, nicht hinreichende Verpflegung und ungeschickte Führungsörderten das Zerstörungswerk. Die in nichts erfahrenen Offizierebesaßen keine Fähigkeit, um als Berater ihrer Leute aufzutreten.Dies alles machte das Übel unheilbar, wenn die Bewegung fort-dauerte. Dehnte der Feldzug sich weiter nach Osten aus, so wurdenauch die Flankendeckungen immer schwieriger und die Rücksicht aufÖsterreich ernster. Schließlich hätte sich die Armee aufgelöst.

Trotz der eintretenden Ruhe lagen am Ende des Waffenstill-standes noch viele Tausend französische Kranke in den Lazaretten.Der Kaiser begriff, daß die Natur des Werkzeuges, mit dem erKrieg führte, selbst in seiner Meisterhand nicht gleichgültig sei,sondern sorgsame Beachtung verdiene.

Der Widerstand, den er bei Groß-Görschen und Bautzen ge-funden hatte, verleitete ihn, den Zustand der verbündeten Heerezu überschätzen. So fügte er sich, wie einst im Dezember 1806an der Wkra , den Umständen, die stärker waren als er, schloßden Waffenstillstand und machte sich daran, zunächst seine Truppenwiederherzustellen, sie zu kräftigen und zu vermehren, ehe er an dieendgültige Entscheidung ging.

Es kam auch hinzu, daß seine rückwärtigen Verbindungslinienlebhaft beunruhigt wurden. Freikorps erschwerten den Nachschub.Dicht hinter der Armee streiften russische Kavallerieabteilungen amBober und an der Queiß und richteten, Schrecken verbreitend, großenSchaden an. In der Mark war Hellwig, der Befreier der Ge-fangenen von Erfurt, aufgetaucht. Tschernitschew hatte bei Halber-stadt einen Artilleriepark überfallen, Woronzow, der vor Leipzig

Frhr. v, d, Goltz, Kriegsgeschichte 13