Druckschrift 
Weltwirtschaft und Volkswirtschaft / von Heinrich Dietzel
Entstehung
Seite
6
Einzelbild herunterladen
 

6

wenigen Waren auf den Märkten anderer Völker konkurrieren, sobleibt zwar seine Produktionsmöglichkeit unter Umständen diegleiche, aber seine Konsumtionsmöglichkeit wächst, erstreckt sich aufalle die guten Dinge, welche diese anderen Völker hervorbringen.

Diese Wirkung, diese Vermannigfaltigung der materiellen Genüsse,war es, was zuerst dem Denken über den Verkehr auffiel und gefiel.

Die Größe der Stadt verursacht einen ständigen Zufluß vonallerlei Gütern dieses Lebens aus allen Gegenden der Welt; wirkönnen die Produkte anderer Völker ebensogut als unser Eigentumgenießen wie unsere eigenen Landesfrüchte." (Aus der Leichenrededes Perikles in Thukydides ' Geschichte des peloponnesischen Krieges,Bd. II. 38.1)

Diese Thatsache der Mehrung des Volksreichtums in qualitativerHinsicht dank dem Verkehr, die der antike Schriftsteller kausal faßt,ist später seitens der christlichen Socialphilosophen teleologisch verwertetworden. Von der Zeit der Kirchenväter (Origines) bis ins Jahr-hundert der Aufklärung (D. Hume ) hinein ist es zahllose Male, oftmit gewaltigem Pathos, ausgesprochen worden, daß Gott die einzel-nen Bezirke des Erdballs mit nur begrenzter, aber verschiedenartigerProduktionsmöglichkeit bedacht habe, um den Völkern den Trieb zuAustausch und Arbeitsteilung einzupflanzen und sie durch die Welt-wirtschaft zu der Weltgemeinde zu einen, in der sie als Kinder EinesGottes sich lieben lernen sollen.

Die Bezeichnung der Nationen alsProvinzen Eines Königreichs",die in den Plaidoyers der Liberalen der klassischen Epoche zu Gunstendes Freihandels häufig sich findet, ist keineswegs aus demkosmo-politischen" Geiste des XVIII. Jahrhunderts empfangen, sondern ist wie noch vieles Andere in dem Wort- und Jdeenschatz dieser an-geblichenMaterialisten" uraltes Erbstück derethischen" Social-ökonomie der Vergangenheit.

Dank dem Verkehr erweitert sich die Genußsphäre eines Volkeseinmal insofern, als solche Güter ihr zuwachsen, die auf dem Raum-gebiet, das es beherrscht, gar nicht produzibel wären auf die esbei Eigenwirtschaft verzichten müßte. Zweitens was zwar minderwichtig ist, aber doch nicht, wie üblich, übersehen werden darfinsofern, als gewisse Dinge, die ihm zwar produzibel, aber nur zubestimmtem Zeitpunkt produzibel sind, jederzeit beschafft werdenkönnen.

^) Ganz ähnlich bei Lenophon, ^.tkeii. rsp. 2, 7.