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gebende Emanzipation von dem Lebensmittelimport des Auslandes inder Form, die mit dem Prodllktivitätsinteresse des Volkes, und derArbeiterschaft, sich deckt. Vollzieht sie sich dagegen in Konsequenz einerErschwerung des ausländischen Mitbewerbes, so kommt sie nur demRentabilitätsinteresse der Grundherren zu gute.
Neben dieser Form der „Pflege des landwirtschaftlichen Roh-ertrages", die Oldenberg wohl im Auge hat, wenn er von der „Pflege... in mehr kapitalistischer Form" spricht, erwähnt er (s. o. S. 54)noch der Möglichkeit, sie „in Gestalt innerer Kolonisation oderdurch Gebietserweiterung" zu bewirken.
Hiervon gilt ganz das Gleiche: eine Steigerung der nationalenKornproduktion in dieser oder jener Gestalt entspricht dem „Interessedes Volkes (und der Arbeiterschaft) an der Produktivität" nurunter der Bedingung, daß auf der durch innere Kolonisation, bezüglichGebietserweiterung zuwachsenden Agrarfläche die Lebensmittel billigerzu gewinnen sind als auf dem Boden des Auslandes, das sie uns jetztgegen unsere Exportartikel liefert; m. a. W. nur unter der Bedingung,daß sowohl eine Hebung des Rohertrages als eine Steigerung derProduktivität erzielt wird. Wenn nicht, so entspricht sie nur dem Ren-tabilitätsinteresse der Grundherrnklasse!
Um nachzuweiseu, daß eine „nationale Eigenwirtschaftspolitik" derindustriellen Arbeiterschaft zum Vorteil gereichen werde, führtOldenberg folgendes aus:
„Die heutige Lage des industriellen Lohnarbeiters ist wesentlichbedingt durch den Zuzug vom Lande, d. h. durch den Mitbewerb derZugezogenen auf dem Arbeitsmarkle. Sowohl dies numerisch ver-stärkte Angebot, wie die Qualität des Angebotes dieser zugezogenenArbeitskraft mit geringen Ansprüchen, aber unverbrauchten Muskelnund Nerven, drückt beständig auf die industriellen Arbeits-bedingungen, wirtschaftlich wie sanitär, während der Gewinst desUnternehmers steigt" (S. 44). Wenn die Landwirtschaft mehr Händebeschäftigen könnte wie heute, würde der Lohn der industriellen Arbeiter-schaft höher stehen — daher sei diese an der „Landwirtschaftspflege"interessiert.
Thatsächlich liegt die Situation umgekehrt. Die heutige Lage deragrikolen Arbeiterschaft Deutschlands ist „wesentlich bedingt" undzwar günstig bedingt durch die Möglichkeit, in der Industrie, dieimmer mehr Arbeitskräfte zu absorbieren und immer höhere Löhne zuzahlen vermag, Beschäftigung zu finden. Die steigende Nachfrage derIndustrie — der „nationalen" und der Exportindustrie — nach Arbeits-kräften, ihr steigender Mitbewerb auf dem Arbeitsmarkt treibt denLohn der industriellen wie der agrikolen Arbeiterschaft empor,