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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts / von Cornelius Gurlitt
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Der Schornsche Kunststreit.

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Und dann noch eins: Schorn ist einer von denjenigen, dieaus einem Mnnde warm und kalt blasen. Auch die Kritik vonReinharts Bild Landschaft mit der Psyche war ein solcheskritisches Kunststückchen gewesen, bei dem von den schönen Liniender Komposition, der meisterhaften Abstufung der Töne, der Klar-heit und Kraft der Farbe, der Durchsichtigkeit des Wassers, demtrefflichen Baumschlag die Rede ist, aber der Baumschlag aus-geputzt, das Ganze künstlich nnd geleckt genannt wird. Vergleichtman Reinharts Bild, das sich jetzt in Leipzig befindet, mit derkritischen Leistung Schorns, so muß jeder Unbefangene erkennen,daß eine durchaus flüchtige, aller Tiefe ermangelnde Tagesurteilereihier einer wohl nicht vollendeten, aber doch ernsten Arbeit gegen-übertrat. Aber die Kunstschrciber der Folgezeit haben mit EiferSchorns Partei ergriffen, denn es war naturgemäß die ihrige.Er habe ja Lob und Tadel verteilt, so daß man ihm nicht denVorwurf der Gehässigkeit machen könne. Aber darin liegt's jaeben, daß der Kritiker glaubt, das Recht zu haben, zu loben. Dasdarf der Vater, das darf der Schulmeister, das darf der Vorgesetzte,der Höherstehende. Aber wenn sich der Künstler über dem Kritiker,ja bloß ihm gleich fühlt, ist das Loben eine ebensolche Anmaßungwie das Tadeln, man sei denn um seine Meinung gefragt. Undwenn dies iu der Presse, iu der Öffentlichkeit geschieht, ist's nochviel schlimmer! Wer gab dem Schreiber das Recht, das Wort zuführen, außer er sich selbst. Uud wer es führt, der thue es inder Erkenntnis, daß ein Kunstwerk die mühevolle Arbeit vielleichteines Jahres ist, uud daß seine Bemerkung diesem gegenüber vonder Rücksicht gegen das Schaffen anderer eingegeben sein soll.Aber davon reden die Herrn nicht gern, die das Recht der Kritikkeck an sich rissen. Sie halten fest zusammen und zwar nicht nurunter sich, sondern auch zu ihren Vorgängern. So im SchornschenFalle. Am ergötzlichsten that dies in neuerer Zeit Adolf Rosen-berg 1887 gegenüber dem Sendschreiben, welches Koch, Catel,die beiden Riepenhansen, v. Rohden, Thorwaldsen und PhilippVeit gegen Schorn gerichtet hatten. Die Unterzeichner hätten,sagt er, in ihrer Mehrzahl gewiß nicht geglaubt, daß ihre Namennur durch die angefeindeten Knnstschreiber der Nachwelt über-