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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Ideale Bildsäulen.

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hätte. Die lustigsten Schöpfungen sind noch die ganz idealen,die Darstellungen von Leuten, von deren Aussehen der Bildhauerkeine Ahuung hatte, die, vor Jahrhuuderteu gestorben, kein Bildnishinterlassen haben. Sie mnßten ans der Tiefe des Gemüts ge-schöpft werden. Die alten Herren drüben im Jenseits mögen schönlachen über ihr diesseitiges Bild. So hat doch wenigstens dortjemand seine Freude an diesen Werken, während hier sich jeder, derkünstlerisch denkt, über sie ärgert. Denn wo haben sich je zweieinen Mann, der ihnen nur aus seinen Thaten bekannt war, ähnlichvorgestellt! Die Namensanfschrift allein ist es, die uns erklärt, werer ist und warum er dort oben steht.

Solche Aufträge, wie die Reihe vou Bildsäulen, die jetzt imTiergarten, im Reichshaus in Berlin hergestellt werden, Dutzendesolcher aus dem Gemüt geschöpfter Helden sind für die Bild-hauerei eine schwere Versuchung zur Phrase. Der Ausdruck derKöpfe kann nicht wirklich empfunden, die Bewegung der Körpermuß gespreizt seiu. Was stellt denn der vor? fragt der Berliner Bummler. Siehst du's denn nicht? das linke Bein! lautet dieAntwort. Es zeigt sich iu ihuen die außerordentliche Schwächeunserer Zeit im eigentlich Künstlerischen. Immer noch glaubt mauder Idee das Übergewicht zn geben, durch eine dekorative Gestaltin fremdartiger Tracht eiuen geschichtlich merkwürdigem Manndarstellen zu können. Lauter Rätsel, lauter geborene Nullen,verschwendete Liebesmühe. Und wenn sich die Modelle noch soübermenschlich in die Brust werfen müssen, wenn sie gezwungenwerden, noch so sperrige Bewegungen zn machen: Sie werdenweder echt noch bedeutend. Ich gönne herzlich den Bildhauern ihrVerdienst, aber sie verdienen sich keinen Gotteslohn solchen ver-alteten, unkünstlerischen Aufgaben gegenüber. Wie viel freier hateinst der alte Fritz die Bildncrei gepflegt. Der Despot war auf-geklärt geuug, zn wissen, daß Knnst nnd Geschichte nichts mit-einander zu thuu haben. Er baute und ließ meißeln zum RnhmePreußens, nicht Preußens Ruhm. Damals standen noch die Fürsten an der Spitze der fortschreitenden Entwickelung, hatten Fühlungmit dem schaffenden Volksgeist, jene Richtung auf das sachlichRichtige, einfach Verständige. Seither sind auch sie gebildet ge-