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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

wurden, abhängig von den kritischen Tagesmeinnngen und derÄsthetik von gestern.

Der Realismus der Zeit machte bei den eroberten Röcken,Hosen, Panzerhemden und Landsknechtskollern Halt. Er gehörenur in die Denkmalplastik, sagt Springer, der Antike bleibe imübrigen ein weiter Spielraum. Die Ästhetik stellte dessen Grenzen fest.Schnsler sagt, das Gebiet der modern klassischen Bildnern könnenur noch die plastische Gestaltung allegorischer Vorstellungen unddie humoristische Behandlung der antiken Ideen sein.

Die Götter Griechenlands , dessen war man sich klar geworden,waren tot und wurden trotz aller Altertumskunde alle Tage töter.Aus die Formenschönheit, welche die Griechen in sie legten, glaubteman aber nicht verzichten zn dürfen. Man schnf sich neue Göttinnen.Ein Beispiel: Was ist die Germania? Ein Sinnbild Deutschlands das ist sehr einfach. Was aber ist ein Sinnbild, wie ist diesbegreiflich? Die Vorstellung, daß ein Land oder ein Volk, ja beidezusammen ein Weib seieu, daß dies Weib die Eigenschaften desLandes und des Volkes so in sich vereinigen könne, daß man amWeibe Wesen und Art von Land und Volk erkennen könne, scheintmir künstlerisch nicht zu verwirklicheu, ganz hoffnungslos znsein. Wenn man den verschiedenen idealen Weibern auch hierdie erklärenden Geräte nimmt, so soll der erst gefunden werden,der eine Borussia von einer Anstria, eine Bavaria von einerWürttembergia oder eine Germania von einer Lippe -Bückeburgiaunterscheidet. Der Witz liegt also in den Kronen, Wappen, Ge-räten; das feiste Franenzimmer aber ist zur Darstellung des Ge-dankens ganz nebensächlich, nur der Haubenstock für allegorischesGerät. Ja sie verleitet zu einer Phrascnhaftigkeit gleich jener, diedas Wesen ' eines Staates in drei Beiworten darzustellen unter-nimmt: Preußen ist ernst, kriegerisch, gebildet. Ist Österreich dasalles nicht auch? Früher hielt man wenigstens allgemein Preußenfür mager. Das ist doch noch ein deutlich kennbares Zeichen. Aberauch dies reicht uicht mehr zur Charakterisierung der Borussia aus!

Nur ein einziges echtes, künstlerisches Mittel blieb übrig, dieAllegorie als solche augensällig zu machen, erkennen zu lasseu, daßjenes Weib nicht ein Weib, sondern ein Staat sein solle, nämlich