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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

obachtenden ein Klümvchen künstlerischen Unglücks, ans dem einspindeldürrer Arm eine Krone erhebt!

Wie groß war euer Sieg, sagte mir der italienische Finanz-minister Luzzatti eines Tages, als wir zusammen den Rhein hinanf-fnhren, und wie klein ist sein Denkmal!

Bändels sowohl was Geld als was Form betrifft mitMühe zusammengebrachter Hermann der Cherusker erhebt sich aufdem Teutoburger Walde doch in klarem Umriß, eine Grundbedingungfür eine auf Fernsicht beruhende Gestalt, und ist doch ein Mensch,kein bloßer Begriff. Die Wirkung des künstlerischen Vorbildes, derGroße Christoph ob Withelmshöhe bei Kassel in seiner meister-haften, unvergleichlichen Aufstellung wurde freilich nicht erreicht.Den Herkules auf eine Pyramide stellen, ist zwar kein tiefer Ge-danke im Sinne unseres Jahrhunderts. Beide sind aber zwischen denanstoßenden Hügel so aufgerichtet, daß sie mit diesen eine künstlerischeLinie inachen; sie erscheinen wie der Schmuck iu einem Frauen-busen; das Menschenwerk beherrscht hier wirklich das so viel größereNaturwerk; das ist ein künstlerischer Gedanke im Sinne der Jahr-hunderte mit stärkerem Empfinden für Wirkung!

Der Kolosse sind nur wenige. Zn ihnen trat die Unzahl derVenusse, Amore, Cupidos, Satyre und so weiter. An die altenGötter glaubte man nicht, man konnte sie ernsthafter Weise nichtwieder neu bilden, also wurden sie mitHumor" behandelt. Esist derselbe Humor, den Defregger entwickelt, nur ist hier sein Wesenaugenfälliger. Er zeigt den Zwiespalt zwischen dem Ernst derkünstlerischen Aufgabe und dem eigentlichen Schaffen, er ist dasVerlegenheitslächeln der nicht auf voller Wahrheit gegen sich selbstErtappten. Ernst Hähnel war einer dieser Humoristen. Weun ihnder Hafer stach, wurde er antik-mythologisch. Er skizzierte mir oftdie derbsinnlichen Vorwürfe, die er einmal ausführen wolle, zudenen er aber nie den Mnt fand. Den Satyren und Centaurenkonnte man Menschliches, Nllznmenschliches andichten, das mensch-lich darzustellen man aus Mangel an gesunder Derbheit nicht dasSelbstvertrauen hatte. Der Humor sollte mit der ablehnendenStellung versöhnen, die man naturgemäß zu den alten Idealenhatte. Deuu, sagt selbst Schasler, man möge noch so viel sür die