606
Nach 1871: ,?in äs sidels'.
Ebenso wie von England her Carlyle, gewinnt in neilesterZeit nnter uns auch der Däne Sören Kierkegaard Einflnß. MitNietzsche zeigte er sich darin verwandt, daß ihm die Wahrheit nichtan sich wertvoll und überhaupt nur soweit wahr ist, als sie An-weisung giebt für die Gestaltung des eigenen Denkens und Lebens.Ihm soll sie Autwvrt geben auf die Frage: wie kann ich als sitt-liche Persönlichkeit bestehen? „Feine Sensibilität für subjektiveWahrheit und ein brennendes Verlangen nach intensivem Leben"schreibt ihm daher sein Übersetzer Schrempf zu und bezeichnet seinenEgoismus iu kühner Paradoxie als das Großartigste lind Bedeutendstean ihm.
Von Deutschen aber ueune ich hier zunächst die beiden Dühringund Lagarde. Jeucr ist Positivist, die Wirklichkeit ist ihm alleinreal und vernünstig. Und auch Socialist ist er, so sehr, daß erauf die Berliner Socialdemokraten Einfluß gewaun und Engelsihm im Parteiorgan ausführlich entgegentreten und ihn widerlegenmußte. Aber für sich selbst war er Individualist: das Recht desindividuellen Denkens und des rücksichtslosen Aussprcchens ließ ersich nicht verkümmern, mit Energie wachte er über das Eigentumseiuer Gedanken und hielt so viel auf sie, daß er dariu au Nietzsches Größenwahn erinnert. Das führte ihn in Konflikt mit alleinOffiziellen, mit seinen Kollegen an der Universität und mit denParteiführern der Socialdemokratie; dagegen sahen viele Studentenzu ihm als zn ihrem „Führer" auf, uud ebenso wurde er für eineAnzahl Arbeiter etwas wie der Stister einer socialistischen Sekte.Damit blieb er zugleich dein Grundsatz treu, daß der Philosophseine Philosophie darleben, durch seine Persönlichkeit bewahr-heiten müsse.
Dühring ist aus seinen persönlichen Erlebnissen heraus zumKulturkritiker geworden, obwohl er den Pessimismus bekämpft,kann man doch bei ihm selber von Entrüstnngspessimismns reden.Darin und ebenso in seinem starken Selbstgefühl und in seinen anti-semitischen Antipathien berührt er sich mit Lagarde, der Staat undPolitik, Kirche und Schnle und vor allein Misere deutsche Bildungschlecht nnd deshalb so flach findet, weil sie Massenbildnng ist.Auch er geht gern seine eigenen Wege und schwimmt energisch