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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Erstes Kapitel.

Der Standpunkt der Naturwissenschaftenum die Wende des 18. Jahrhunderts.

Wer es versucht hätte, um das Jahr 1800 ein Momentanbildnaturwissenschaftlichen Wissens zu zeichnen, dem Hütte sich einelohnende Aufgabe dargeboten. Ein ungeheures Thatsachenmaterialhatte sich im Laufe des Jahrhunderts, vorab in dessen zweiterHälfte, aufgehäuft, und eine Fülle höherer Gesichtspunkte wargewonnen worden, um Ordnung in das Chaos von Erfahrungs-wahrheiten zu bringen, welches in Büchern, in Zeitschriften und inden Veröffentlichungen zahlloser gelehrter Gesellschaften vorlag.Freilich, Entdeckungen von so fundamentaler Bedeutung, wie sie sichan die Namen Coppernicus und Kepler, Galilei und Newtonknüpfen, waren in dem abgelaufenen Säkulum nicht mehr gemachtworden; nicht jeder Forscher, so meinte Lagrange halb mißmutig,sei in der Lage des großen Engländers, ein Weltsystem in seineninneren Triebfedern bloßlegen zu können. Aber gewaltige Leistungenwaren trotzdem zu verzeichnen, und wenn auch Deutschland , dasvon den furchtbaren Schlägen des dreißigjährigen Krieges schwerstbetroffene aller europäischen Länder, in dem allgemeinen Wettkampfefürs erste arg zurückgeblieben war, so hatte es doch seit 1750 etwadie rühmlichsten Anstrengungen gemacht, den ihm zukommenden Platzzu erobern. Ein nicht gering zu schätzender Anteil an diesem Er-folge war den Hochschulen zugefallen, die mehr und mehr erkannten,daß es nicht ihre einzige Pflicht sei, nach mittelalterlicher Weise

Günther, Anorganische Naturwissenschaften. 1