2 I. DcrStandpunkt der Naturwissenschaften um die Wende des 18. Jahrhunderts.
ihren Schülern ein fest begrenztes Maß gesicherter Erkenntnis zuübermitteln, sondern daß es gerade ihren Lehrern zukomme, demVolke die Fackel voranzutrageu und durch eigene Forschung derWissenschaft neue Ergebnisse zuzuführen. Die britischen Universitätenhatten diesen ihren Beruf schon früher richtig erkannt; auf deutschemBoden hatte das neu geschaffene Halle die Spitze genommen, undGöttingen, Königsberg, Kiel, Leipzig, Erlangen waren nachgefolgt.In den Akademien der Hauptstädte fand gerade die naturwissen-schaftliche Arbeit die nachhaltige innere und äußere Unterstützuug,ohue welche sie, schon ans rein materiellen Gründen, nur in weitbescheidenerem Maße hätte gedeihen können.
Noch bestand zwischen empirischem Forschen und reinein Denkendie allein richtige Beziehung, welche keinen von beiden Teilen zngunsten des anderen einschränkte, und mit deren Aufgabe baldnachher, wie sich zeigen wird, ein folgenschwerer Rückgang ein-geleitet wurde. Mit durchdriugeudcm Geiste hatte Kants „Kritikder reinen Vernunft " von 1781 die Grundlinien eines in dieserForm neuen Grenzgebietes zwischen Philosophie und Naturwissen-schaft entworfen; die Erkenntnistheorie, zu der man ja freilich auchbereits bei Griechen nnd Arabern, bei Nikolaus von Cusa undFrancis Bacon, bei Descartes und Leibniz Anklänge nach-weisen kann, belehrte die Menschen über die ihrem Können undWissen gezogenen Grenzen nnd bewahrte vor der Gefahr, das Unmög-liche nnd Unerreichbare anstreben zu Wolleu. Ohne jene extremenKonsequenzen zu ziehen, welche im Geiste Humes und Berkeleyswirkliche Naturerkenntnis so gut wie unmöglich machten, verliehKants Phänomenalismus dem ernsthaft Suchenden die untrüglicheRichtschnur, welcher folgend er im Gewühlc isolierter Einzelsätze denbeherrschenden Standpunkt zu finden und einzuhalten vermochte.Wir werden uns später überzeugen, daß gerade die modernste Natur-wissenschaft mit aller Entschiedenheit wieder auf den Weisen vonKönigsberg znrücklenkt und bereitwillig die Schranken anerkennt,welche uns gezogen sind durch seine Lehren, nach welchen wir nie-mals die Dinge so sehen, wie sie wirklich sind, sondern lediglichin dem Bilde, welches das oft trügerische Medium unserer Sinnes-wclt uns von jenen verschafft.