6 I. Der Standpunkt der Naturwissenschaften um die Wende des 18.Jahrhunderts.
bis dahin in noch ziemlich unsicherer Stellung befindlichen Wissens-zweiges in die physikalische Mechanik die vorteilhaftesten Folgen.Schon sehr abgeschlossen und tiefer durchgearbeitet stand die Lehrevom Lichte da. Man unterschied in ihr ein geometrisches und einphysikalisches Element; das geometrische hatte von jeher, bei Euklid ,Alhazen und dem mittelalterlichen Witelo (Vitellion) liebevollePflege gefunden, uud über alles, was irgendwie.mit der geradlinigenFortpflanzung, mit Spiegelung und Brechung des Lichtes zusammen-hing, wußte mau um 1800 völlig zureichende Auskunft zu geben.Dagegen war durch die neuen Erscheinungen der Farbenzerstreuung,Beugung, Doppelbrechung und Polarisation eine neue Welt er-schlossen worden, und um sich in dieser zurechtzufinden, bedürftees mehr als der grobsinnlichen Emissioustheorie, welche allerdingsnoch die Mehrzahl der Lehrstühle und Lehrbücher beherrschte. Dergroße Huygens hatte dieser Auffassung seinerseits eine Vibrations-theorie gegenübergestellt, welche zwar noch insofern fthlgriff, als siedie Lichtschwiugnngen für longitudinal erklärte, aber es war dochdas Eis gebrochen, die begriffliche Identität von Luft- und Äther-fchwingungen, die Zusammengehörigkeit von Akustik und Optik an-erkannt. In einer weit verbreiteten populären Schrift („Briefe aueine deutsche Prinzessin über einige Gegenstände der Physik undPhilosophie", 1768—1772) führte Euler aus, daß allenthalben einMittel von äußerster Feinheit die Zwischenräume zwischen denKörpern erfülle, und daß eine undulatorische Bewegung diesesÄthers von unserem Sehorgane als Licht empfunden werde.Gerade in der Zeit, welche uns gegenwärtig beschäftigt, warThomas Ionng (1773—1829) als Bahnbrecher der neuen Lehrehervorgetreten, mit dem wir uns später eingehender zn beschäftigenhaben werden.
Die alte Doktrin, daß es einen imponderablen Licht- undWärmestoff, ebenso wie unwägbare magnetische und elektrische Flüssig-keiten gäbe, war auch von anderer Seite ernstlich erschüttert worden.Bei seinen planmäßigen Versuchen in der Münchener Kanonen-gießerei war Benjamin Thompson (1763 —1814), den derbayerische Kurfürst kurz zuvor zum Grafen v. Rumford erhobenhatte, zu der Einsicht gelangt, daß alle Wärmeerscheinungen in Wirk-