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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
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m. Die Mathematik im 19. Jahrhundert.

liche Vielseitigkeit auf allen Gebieten der reinen und angewandtenMathematik entfaltete S. D. Pvisson (17811840), defsen zahl-lose, vielfach an L. Enler gemahnende Abhandlungen für denFreund höherer Rechnung immer eine Quelle der Belehrung seinwerden, mag anch der Physiker hie und da den Gedanken nichtunterdrücken können, daß über der Eleganz der Formel das natur-wissenschaftliche Ziel etwas in den Hintergrund trete. Ein etwasjüngerer Zeitgenosse von ihm war I. V. Poncelct (17881867),der geistvolle Geometer, der sich in der aufgezwungeneu Stille alsKriegsgefangener von 1812 an den Ufern der Wolga ein ganznenes System der Kurvenlehre ausgedacht hatte. Und was derMechanik Lagranges noch fehlte, die zumal für statische Auf-gaben notwendige Berücksichtigung der Drehung als eines derfortschreitenden Bewegung gleichwertigen Elementes, wurde durchdie Kräftepaare uud die Rotatious-Sinnbilder L. Poinfots(1777 1859) ergänzt, der auch iu der Raumlehre die von denalten Griechen gezogenen Grenzen mit Glück zu überschreiten wagte.Die Behandlung physikalischer Aufgaben Wärmeleitung, strömendeBewegung, Lnftschwingnngen geriet in ein neues Fahrwasserdurch die ganz neue Auffassung des Wesens der unendlichen Reihen,welche man I. B. I. Fonrier (17681830) verdankt. Man er-kennt, daß diese Glanzzeit der älteren Pariser Schnle, ohne daßeine Lücke aufzuzeigen wäre, sich über mehr denn ein halbes Jahr-hundert erstreckt. Dieser Schule ist auch teilweise zuzurechnenA. L. Cauchy (17891857), der allerdings nur in seiner Jugendeine Professur iu Paris bekleidete, später aber als Anhänger derverbannten Bourbonen ein Wanderleben führte und erst ganz zu-letzt am Orte seiner frühesten Erfolge wieder von neuem zu lehrenanfing. Ein Virtuose der Infinitesimalrechnung, ähnlich wiePoisson, aber mehr als dieser auch den höchsten, prinzipiellenFragen seiner Wissenschaft zugewandt, hat Cauchy insbesondereauch die analytische Optik mit neuen Entdeckungen bereichert.

Die französische Akademie kann von dem geistigen Leben,welches Paris in jener Zeit zur ueidlos anerkannten Metropolealles exakten Wissens und Forschens machte, unmöglich getrenntwerden; sie löste in ganz vorzüglicher Weise ihre traditionelle