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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
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172 VIII. Die Physik im Zeitalter vor Entdeckung deS Energieprinzipes.

Vibrationstheorie den endgiltigen Sieg sicherten. Das meisteInteresse der ersten Jahrzehnte konzentrierte sich eben auch aufdiesen Siegeszug eiues vor kurzem noch wenig beachteten Gedankens,dessen Tragweite sich sehr bald nicht nur auf die Optik allein er-strecken sollte. Die übrigen optischen Fortschritte waren denn auchkeine allzu bedeutenden. Erwähnung verdient das 1827 vonW. Ritchie (gest. 1837) angegebene Photometer, welches fürterrestrische Lichtquellen demjenigen von Lambert, das man bishervorzugsweise gebraucht hatte, mit Vorteil substituiert werden konnte.Die Photometrie der Gestirne, die eben auch damals ihren Anfangnahm, soll später, im astrophysikalischen Abschnitte, zusammen-hängend gewürdigt werden. Erst gegen das Ende des uns jetzt be-schäftigenden Zeitraumes mehrten sich wieder bedeutendere Leistungen,welche keine direkte Beeinflussung durch die neuen Anschauungenüber die Natur des Lichtes erkennen lassen. Ganß trug, wie dasstets seine Art war, ein neues Ferment in die analytischeDioptrik hinein, indem er für nahezu achsiale Strahlen, jedochohne Vernachlässigung der Linsendicken, den Gang der Lichtstrahlendurch ein zentriertes Linsensystem untersuchte und die unübersicht-lichen Formeln, welche einstweilen noch diesen Teil der Optik be-herrschten, dnrch die Einführung des Begriffes der Hauptpunktewesentlich vereinsachte; als Listing dann, indem er speziell denDurchgang des Lichtes durch das Auge verfolgte, den Hauptpunktenuoch die Knotenpunkte hinzufügte, wurde es möglich gemacht,die Bahn des gebrochenen Strahles ganz einfachen geometrischenKonstruktionen zu unterwerfen. Listings Studie (1845) stand be-reits bewußt im Dienste einer nenen Grenzdisziplin, die sich ebendamals herauszubilden begann, der physiologischen Optik. Ihrgehörten an die Arbeiten von Seebeck über menschlichen Farben-sinn, von Plateau und Aragv über die auf eine Netzhaut-reizung zurückgeführte Irradiation, von Wheatstone undBrewfter über die Stereoskopie und das plastische, binokulareSehen, welche im letzteren Falle zur Erfindung des bekanntenInstrumentes verhalfeu. Nicht minder ist hier zn gedenken derArbeiten L. Mosers (180S1880) über den Prozeß des Sehens;in ihnen begegnet uns erstmalig eine anscheinend Paradoxe Wort-