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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Goethe und Schopenhauer in der Geschichte der Optik.

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ersten Halbscheid des Jahrhunderts gestellt hat, die optischen Be-strebungen Goethes, die diesen Jahre lang mit Beschlag belegtund von anderen Beschäftigungen abgezogen haben, so wird unszweierlei klar. Einmal, daß die Experimentalphysik jener Zeit, dieeben erst wieder festen Boden unter die Füße bekommen hatte,wenig erbaut sein konnte von einem Anstürme gegen ihre festestenStützen, und von einer Gedankenwelt, welche feinsinnige Beob-achtung mit phantastischer Spekulation durcheinandermengte. Dannaber auch, daß gerade jene Freunde der Philosophie, denen dievermeintlich Poesie- und saftlose Empirik ihre Zirkel störte, demDichter zujubelten, wie denn ein Schüler Hegels über die G oeth escheFarbenlehre sogar eine eigene Universitätsvorlesung veranstaltete.Der objektiver gerichteten Gegenwart war es vorbehalten, Licht undSchatten gleichmäßiger zu verteilen. Nicht unerwähnt darf sernerbleiben, daß ein wenig später ein besonders geistvoller, aber eben-falls mit der offiziellen Wissenschaft seiner Tage gründlichst zer-fallener Denker eine neue Theorie des Sehaktes und der Farbenaufstellte. Sind Arthur Schopenhauers (17881860) Dar-legungen anch nicht geeignet, die Physik auf eine wirklich neueBahu zu leiten, so sind sie doch zumal sür die physiologische Optikdurchaus nicht wertlos; sonst hätte ihnen der Augenarzt Radiusnicht einen Platz in seinenLorixkorss or-nt,^g,lmo1oAiei minorss"(Leipzig 1830) eingeräumt. Unter keinen Umständen darf anGoethe und Schopenhauer deshalb achtlos vorübergegangenwerden, weil ihre Abneigung gegen das, was ihnen alsZunft-wissenschaft" erschien, mitunter etwas unliebenswllrdigere Formenannahm, als gerade notwendig gewesen wäre.

Die Lehre vom Lichte haben wir nun bis zn jenen Jahrengefördert, während deren sich eine Umwälzung in den physikalischenGrundvorstellungen anbahnte, und ein gleiches wollen wir nun-mehr mit der Kalorik, der Lehre von den Wärmeerscheinungen,thun. Unsere einleitende Übersicht stellte bereits fest, daß durchNumford, Leslie, Davy das alte Dogma vom unwägbarenWärmestoffe schon einigermaßen erschüttert war, als das neneJahrhundert anbrach, aber die Mehrzahl der Gelehrten erklärtesich noch mit der Definition einverstanden, welche der gewiß sort-

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