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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
178
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178 VIII. Die Physik im Zeitalter vor Entdeckung des Energieprinzipes.

die Färbungen, von denen er sich, an Gewändern, Gewächsen, amHimmel und auf der Erde, rings umgeben sah, als eine Konsequenzder New wuschen Farbenlehre zu begreifen. Als feiner Ästhetikerhatte er das Wesen der Kontrastfarben richtig erfaßt, langevor M. E. Chevreul (17861889!), der erst viel später einenatürlich unter dem wissenschaftlichen Gesichtspunkte weit höherzu stellende Schrift (Straßburg 1839) hierüber publiziert hat.Goethe wußte recht gut, daß Grün im Kontraste zu Rot, Gelbim Kontraste zu Blau steht, und indem er dieses Verhältnis zurGrundlage für seine eigene Anschauung machte, kam er bereits dervon dem Physiologen E. Hering (geb. 1834) aufgestellten, späterzu würdigenden Farbentheorie ziemlich nahe. In unbewußtem An-schlüsse an den großen Maler und Forscher Lionardo da Vinci ,der in seiner Abhandlung über die Kunst des Malens von ähn-lichen Vorstellungen ausgegangen war, setzte er Gelb und Blauals Grundfarben voraus und dachte sich alle Farbenmischungendadurch gebildet, daß der Beschauer jene Farben nicht immer direkt,sondern durch ein trübes Mittel hindurch erblicke. So legte ersich insbesondere die Lichterscheinnngen der Morgen- und Abend-rote zurecht. Analysiert man so mit W. Koenig (geb. 1859)die einzelnen Behauptungen Goethes, so konstatiert man nebenmauch schiefen Deutungeu und Mißverständnissen doch auch über-raschend viele Anklänge an moderne Entdeckungen, so beispielsweisean Lord I. W. S. Nayleighs Erklärung der Himmelsbläue,und vor allem sagt man sich los von der landläufigen, aus der Zeitberechtigter Reaktion gegen die Naturphilosophie stammenden Miß-achtung von Arbeiten, in denen angeblich kein Funke soustigenGoetheschen Geistes zu finden wäre. Es kommt hinzu, daß dergeschichtliche Teil derFarbenlehre" ein erstaunlich reichhaltiges,mühsam zu beschaffendes Material geschickt verarbeitet uud demGeschichtschreiber der Physik uueutbehrlich ist. Unter den zahl-reichen treffenden Bemerkungen, welche die exzerpierten Bücher undAufsätze begleiten, finden sich unter anderen die ersten selbständigenAngaben über das sogenannte Fluoreszieren der Körper.

Beurteilen wir so von der höheren Warte aus, auf welcheuns eine umfassendere Betrachtung der geistigen Bewegungen im