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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Goethes optische Hypothesen.

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und bedeutsamen Momente aufzählenden Gesamtdarstellung aus-geschlossen. Allein die Persönlichkeit kann es gebieterisch fordern,daß ihr auch der ihr Recht angedeihen lasse, der selbst auf einemganz anderen Standpunkte steht, uud so Märe denn auch nnsereÜbersicht unvollständig, gedächte sie nicht jener Arbeiten, welcheJohann Wolfgang Goethe zu Miederholten malen (Beiträgezur Optik", Weimar 17911792;Farbenlehre", Tübingen 1310;Nachträge zur Farbenlehre", im letzten Bande der ge-sammelten Werke) der Optik gewidmet hat. Als entschiedener, biszu widriger persönlicher Polemik sich versteigender Gegner New-tons hat der große Dichter und Denker die unbeliebtenEmpiriker"gröblich herausgefordert, und er durfte sich mithin kaum darüberbeklagen, daß auch diese seine physikalischen Versuche teils tot-schwiegen, teils in herbsten Worten kritisierten. Ist es ihm dochin seiner Voreingenommenheit nicht einmal gelungen, das funda-mentale Experiment Newtons, welches zur Entdeckung des Farben-spektrums führte, richtig aufzufassen! Er meinte, beim bloßenDurchsehen durch ein Glasprisma sofort reine Farbenbilder erkennenzu müssen, und konnte sich heftig erzürnen über die wichtige Rolle,welche der große englische Naturforscher demloi-arusu exiZuurn"im Fensterladen und dem durch dieses in das verdunkelte Zimmerfallenden, schmalen Lichtbündel zugeteilt hatte. Mit der Zeit habenjedoch auch die Physiker milder und gerechter denken gelernt, jemehr sie sich in das Studium der Originalschristen vertieften;eine schließlich lohnende, aber freilich für den an exakte Schluß-folgerung Gewöhnten nicht durchweg erfreuliche Aufgabe. Helm-holtz, du Bois - Neymond, mit der meisten Hingebung neuestensW. Koenig haben sich dieser Pflicht unterzogen. Man hat ge-meint, Goethe habe sich an den Unbegreiflichkeiten der Emissions-hypothese gestoßen und wäre wohl zu einer anderen Ansicht gelangt,Hütte er gewußt, daß das Licht eine Folge von Ätherschwingnngensei; diese Unterstellung ist aber ganz unhistorisch, denn auf dieFrage, wie denn die Farben in der Natur entständen, hätte dieUndulationstheorie, die dem Dichter keineswegs unbekannt war,ihm auch keine Antwort gegeben, wie er sie haben wollte. SeineUnzufriedenheit bestand eben darin, daß es ihm unmöglich siel,

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