Kontroverse zwischen Berthollet und Pronst.
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in unseren Tagen die Chemie beherrschen, verschafften die Be-mühungen jener ausgezeichneten Chemiker Eingang, welche auchuach Lavoisiers beklagenswertem Tode Frankreich zum führendenStaate in dieser Wissenschaft gemacht haben — Fourcroy,L. N. Vauqueli n (1763—1829), Berthollet. Unter ihrerÄgide entstanden die „^rmales cls Oliimis", mit deren Schaffungman sich von den schon vorhandenen, teilweise aber auch anderenGebieten gewidmeten periodischen Zeitschriften frei gemacht undden ueuen Methoden ein Organ gegeben hatte, welches zu derenweiterer Ausgestaltung sofort Bedeutendes leistete, sich aber auchseine Bedeutung für Jahrzehnte bewahrte. Bald sollten die fran-zösischen Forscher Gelegenheit bekommen, in einem tief gehendenStreite über die Grundprinzipien ihres Faches Stellung zu nehmen,in der Polemik nämlich, die sich zwischen C. L. Berthollet undI. L. Pronst (1755 — 1826) entspann. Des Erstgenannten„Ussa-i sur lg, stgtic^ue cbimi^ue" erschien 1303 und war dazubestimmt, die Gesetze, uach welchen chemische Verbindungensich bilden, zu entschleiern. Von den fruchtbringenden IdeenRichters, der sich ja erwähntermaßen ein ganz ähnliches Zielgesetzt hatte, nahm man natürlich, wie es in jener Zeit üblich war,jenseits des Rheins keine Notiz.
Zunächst handelte es sich um das Wesen der chemischenAffinität, von welcher der Schwede Torbern Bergman be-hauptet hatte, sie sei von der Masse der einander beeinflussendenKörper ganz und gar unabhängig. Berthollet umgekehrt hieltdafür, daß Wirkung uud Masse einander proportional seien.Wenu eine gewisse Menge einer Substanz in eine Verbindungeingeht, so soll der Effekt ersterer gleich sein dem Produkte ausjener Menge in die chemische Affinität. Dieses Produkt wurdechemische Masse genannt. Kohäsion und Elastizität sind nachBerthollet die beiden Kräfte, welche das intermolekulare Ver-halten der Körper regeln. Es leuchtet ein, daß nach dieser Auf-fassung, welche ein ganz neues Moment als das eigentlich maß-gebende einzuführen willens war, zwei verschiedene Stoffe sich nichtnach einem konstanten, unter allen Umständen unveränderlichenVerhältnis miteinander verbinden konnten; wäre dies der Fall, so