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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
218
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218 IX- Die Chemie vor der Trennung in ihre beiden Hauptbestandteile.

Wäre ja die Masse einflußlos. Eine arithmetische Stöchiometriemnßte, wenn Berthollet im Rechte war, für unmöglich erklärtwerden; chemische Kräfte kamen nicht allein ins Spiel, sondernstanden mit solchen, die man bisher für rein physikalisch gehaltenhatte, in steter Wechselwirkung. Hierin lag zweifellos ein gesundes,der Weiterentwicklung fähiges Prinzip, das in einer sehr vielspäteren Zeit auch wirklich wieder zur Geltung kam; vorläufigaber mußte die Chemie, welche soeben erst großes Gewicht auf denUmstand zu legen gelernt hatte, daß auch in ihrem Bereiche alleErscheinungen nach Maß und Zahl begriffen werden können, inBerthollets Annahme, verschiedene Stoffe brauchten nicht immerim gleichen Verhältnis sich zu einer Verbindung zn vereinigen,einen gewissen Rückschritt erblicken. Gegen diesen Satz wandte sichvor allem Proust, für den es keine leichte Sache war, einem Ge-lehrten von solchem Rufe, wie ihn der berühmte Savoyer damalsschon hatte, entgegenzutreten. Allein wenn der Angreifer auchhinsichtlich der Weite der Gesichtspunkte und der philosophischenTiefe hinter seinem Gegner zurückstehen mochte, so war er diesemdoch eher überlegen in der eigentlichen Technik der chemischenOperationen, und so wurde es ihm möglich, gewisse Fehlerquellenzu verstopfen, deren Nichtberücksichtignng Berthollet zu unzu-treffenden Schlüssen geführt hatte.

Der letztere war nämlich bei seinen Analysen noch nicht mitjener Vorsicht verfahren, deren Beobachtung sich erst allmählichals eine Notwendigkeit aufdrängte, und so befanden sich in denKörpern, welche er der Zerlegung unterwarf, auch fremdartigeSubstanzen, die von Rechts wegen gleich anfangs hätten beseitigtwerden sollen. Das war nicht geschehen, und so mußte ihr Vor-handensein notwendig das Ergebnis der Analyse trüben. Nachdieser Richtung hin waren die Maßnahmen Prousts mustergültig,und so vermochte er den Nachweis zn führen, daß die Sauerstoff-Verbindungen, welche der Oxydation der Metalle entsprechen, stetsdas nämliche Verhältnis bewahren. Die Möglichkeit, daß ein unddasselbe Metall zwei Oxyde liefern kann, trat ebenfalls jetzt erstzu Tage. Prousts Verdienst ist es nicht minder, die Verbin-dungen der Metalle, in erster Linie des Goldes, nach einheitlichen