Druckschrift 
Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
227
Einzelbild herunterladen
 

Gciy-Lussac.

227

Haupt ist jede der sehr zahlreichen Abhandlungen, welche von demgeistesgewaltigen Manne ausgingen, voll von wichtigen Finger-zeigen nnd Anregungen. Er liebte es, gemeinsam mit tongenialenNaturen zu arbeiten; wie viel Nützliches aus seiner VerbindungmitThenard entsproß, haben wir genügend erfahren. In seinenphysikalischen Arbeiten sind Biot und Arago seine Genossen; dieLuftanalysen waren sein und A. v. Humboldts gemeinschaftlichesWerk; der junge Liebig wurde von ihm bei seiner Jugendarbeitüber knallsaure Salze mächtig gefördert. Gay-Lussacs Verdienstist es auch, daß sich eiue kraftvolle chemische Industrie entfaltenkonnte, denn von allem Anfang an wandte er der Technik und derVerstellung chemischer Präparate im großen Stile seine Aufmerk-samkeit zu. Seiue Erfindung ist großenteils das Titrieren, diequantitative, volumetrische Analyse, welche nicht im Sinne derälteren Methoden allein ans Gewichtsbestimmnngen ausgeht, sondernmit genau nach ihrem körperlichen Inhalte bestimmten Gesäßen Pipetten, Büretten arbeitet. Kurz, Gay-Lussac stehtsowohl in der vollkommenen Virtuosität des praktischen Chemikers,wie auch in der philosophischen Klarheit seines Denkens und seinerSchlußfolgerungen in dieser Periode, die etwa mit den zwei erstenJahrzehnten des 19. Jahrhunderts zusammenfällt, unerreicht da.Der einzige, der ihm geistig völlig gleichkommt, ist Davy, alleindie ganze Lebensart nnd Lebensauffassung des begüterten, aufhäufigen Reisen seiner Gesundheit lebenden Mannes hinderten ihnan einer so intensiven Bethätigung seiner Geisteskräfte. Als spätereinmal Woehler sich gegen Berzelius über die niederdrückendeLast der ihm anfliegenden wissenschaftlichen Verpflichtungen beklagte,tröstete ihn der Freund mit der Bemerkung, daß auch der Lohnfür diese ungeheure Arbeit der entsprechende sein werde, und fügtebei, auch Davy würde mehr als bloß ein glänzendes Meteor ge-wesen sein, wenn sein Geschick ihn zu einer gleich energischen An-spannung seines Wollens und Könnens genötigt hätte.

Der Mann, der diese Worte schrieb, tritt jetzt entschiedenerin unseren Gesichtskreis; wir haben von Berzelius auch in diesemAbschnitte schon zu sprechen gehabt, und im mineralogischen Ab-schnitte spielte das vou ihm aufgestellte System sogar eine be-

15*