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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Berzelius und die chemische Formalistik.

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flössen sind, hat die Wissenschaft ganz unberechenbar an Aus-dehnung gewonnen, und die allerverwickeltsten Verbindungen, derenbloße Möglichkeit zu Berzelius ' Zeit angezweifelt worden wäre,haben eine pasigraphische Darstellung verlangt, aber die alte Sym-bolik hat sich auch als den hvchstgesteigerten Ansprüchen genügenderwiesen. Das auszeichnende Merkmal derselben besteht darin,daß, wenn ein Element mit mehreren Atomen, etwa mit n der-selben, in einer Verbindung vertreten ist, diese Zahl ri als eineArt Exponent der Buchstabensolge beigesetzt wird, welche das be-treffende Element charakterisiert. Damit war dann ein weitererhoher Vorteil erzielt; es ward möglich, durch Gleichungen denAkt der Zusammensetzung eines Körpers aus Elementen bequemauszudrücken, chemisch zu rechnen.

Die chemische Statik nimmt bei Berzelius eine eigenartige,von den theoretischen Gesichtspunkten der Zeit wenig beeinflußteGestalt an. Der Gegensatz zwischen Molekül und Atom, wie ihnGras Avogadro sachgemäß definiert hatte, wird abgelehnt; dasDaltonscheGesetz wird ausdrücklich alswillkürlich" zurückgewiesen.Allein eben dieser Vorhalt dürfte sich mit einiger Berechtigung derArt und Weise machen lassen, wie Berzelius die Kombinationelektropositiver uud elektronegativer Körper durchführt, und auchseine Bestimmnng der Atomgewichte, welche er sich eben darummehrfach zu revidieren gezwungen sah, ist von jenem Bedenkennicht frei. Die Untersuchungen, welche Dulong und Petit 1819über die Eigenwärme der Körper anstellten, und kraft deren zwischenAtomgewicht und spezifischer Wärme eine feste Beziehung als be-stehend zugegeben werden mußte, führten denn auch zu anderenWerten, als zu den von Berzelius angegebenen. Allein trotzdemerhob sich letzterer durch stete Vervollkommnung seiner eigenenDenkweise und durch nicht minder rastlose Verbesserung der Methodikzu einer solchen Sicherheit in der Ermittlung der Atomgewichte,daß viele derselben, so wie er sie gab, von der Folgezeit angenommen,andere hinwiederum nur unbedeutenden Änderungen unterzogenwurden. Um 1830 stand ein Lehrgebäude da, welches, insoweitanorganische Körper in Betracht kamen, sür alle Zeiten festgegründet erschien, und dem Baumeister werden auch Diejenigen