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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Die Synthese des Harnstoffes.

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diese anwenden; ganz anders stehe es jedoch, wenn man zurSynthese, zur Wiedervereinigung der in einem gegebenen Körpernachgewiesenen Elementarbestandteilc, übergehen wolle. Eine solchesei im Bereiche des Anorganischen theoretisch immer möglich, wennman sie auch im Einzelfalle vielleicht praktisch nicht zu bewerk-stelligen vermöge; zur Darstellung orgauischer Körper dagegenbedürfe man der Mitwirkung der Lebenskraft, die in die Retortendes Chemikers keinen Eingang finde. Dies war die allgemeineAnsicht, und Chevreuls, des, wie bemerkt, späteren, langjährigenNestors seiner Fachgenossen, klassische Untersuchungen über dieFette, die in einem Werke aus dem Jahre 1823 ihren Abschlußfanden, hatten noch keine Erschütterung der herrschenden Doktrinzuwege gebracht, weil sie eben doch wesentlich analytischer Naturgewesen waren. Da verbreitete sich 1828 die überraschende Kunde,daß ein junger deutscher Gelehrter, F. Woehler in Göttingen (1800bis 1882), die Darstellung eines unzweifelhaft organischen Körpersthatsächlich erzielt hatte. Schon sechs Jahre vorher hatte er dieCyansüure entdeckt, und mit dieser experimentierend, sah er sichauf einmal vor einem Eindampfnngsprodukte, welches sich als derHarnstoff (Carbamid) herausstellte, eine Substanz, die iu denAusscheidungen des Menschen und der Säugetiere niemals sehlt,indem der Stickstoff, der dem Magen durch die genossenen Eiweiß-körper zugeführt wird, in der erwähnten Form den Organismuswieder verläßt. Die Woehlersche Synthese wurde von Liebigahnungsvoll alsMorgenrot eines neuen Tages" begrüßt, aberes gab natürlich auch Zweifler, die den aphoristischen Standpunkteinnahmen und auch vor allem daraus hinwiesen, daß der betreffendeStoff zwar aus Verbindungen, die für anorganisch galten, nichtjedoch- aus deu Elementen selbst dargestellt worden sei. DerLebenskraft" blieb so immer noch eine Hinterthüre geöffnet.Was aber noch ausstand, ist später auch noch nachgeholt worden,indem M. P. E. Berthelot (geb. 1827) nm 1860 die bereits seit1670 bekannte Ameisensäure direkt aus ihren Urbestandteilenzusammensetzte.

Die Chemie hatte, soweit sie das theoretische Element haupt-sächlich betonte, in der Zeit zwischen 1820 und 1830 eine Fülle