Liebig gegen Bevzelius,
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dieselben begonnen hatten. Es war N. W. Bunsen (1811—1897),der den beiden Verbindungen, aus deren Studium die neue Auf-fassung der Radikale erwachsen war, eine dritte, das Kakodyl,hinzufügte, welches nunmehr mit Cyan und Benzoyl die funda-mentale Dreiheit bilden sollte. Schon 1760 hatte Cadet einegiftige und einen sehr unangenehmen Geruch — von da der Name —verbreitendeSäure dargestellt, deren üble Eigenschaften es verschuldeten,daß man sich lange Zeit recht wenig mit ihr beschäftigte, bis Bunsendas nahe liegende Vorurteil überwand nnd, nachdem er dessenChlorverbindung durch Zink aufgelöst hatte, das Kakodyl als Radikalisolierte. Dasselbe wich von den bisher mit diesem Namen be-legten Kombinationen sowohl durch seinen Metallgehalt als auchdurch die Eigenschaft der Selbstentzündlichkeit ab, und es wardamit also offenbar ein neues Ferment in eine an sich in vollsterEntwickluug stehende Theorie hineingetragen.
Seit 1833 war auch in Berzelius ' Denkweise ein Wandeleingetreten; er gab einen der Gegensätze auf, welche seiner früherenMeinung zufolge die beiden großen Abteilungen der Chemie von-einander trennten, und teilte auch den organischen Verbindungenjene binäre Koppelung zu, welche er im Bereiche des Auorganischeuals allgemein giltig erkannt zn haben gewiß war. Noch aberdentete er die neu hergestellten Körper als Oxydationsprodukteund trat dadurch in Widerspruch gegen Liebig, der den Alkoholund den Äther als Verbindungen definierte, die ein Radikal, Äthylgenannt, gemeinsam hätten. Obwohl die Äthyltheorie, zumal be-züglich der Bestimmung der Atomgewichte, zunächst noch mancherleiMängel an sich trug, so bekundete sie sich doch auch schon in diesernoch nicht ganz vollkommenen Gestalt als ungemein fruchtbar fürdie Erforschung der Natur einer weiteren Reihe zusammengesetzterKörper. Um 1837 war Liebig zu einer Klärung seiner Ansichtenüber Radikale gelangt, die vorläufig endgiltig schien, uud dieQualitäten, welche er solchen Gebilden zuschrieb, waren nun einst-weilen eindeutig und übersichtlich festgestellt, während bisher einegewisse Schwankung in der Begriffsbestimmung zu bemerken ge-wesen war. Eiu Körper, der kein Element ist, verdient die Be-zeichnung Radikal, wenn er stabiler Bestandteil einer Anzahl zu-