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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
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24V IX. Die Chemie vor der Trennung in ihre beiden Hauptbestandteile.

sammengehöriger Verbindungen bleibt, wenn er in diesen durchandere einfache Körper ersetzt werden kann, und wenn in seinenVerbindungen mit einem einfachen Körper dieser letztere durchÄquivalente von anderen einfachen Körpern vertreten werden kann.Liebig und Dumas , die sich in ihren Anschauungen trafen uudan deren Durchführung gemeinsam arbeiteten, wiesen ihren Radi-kalen sür die organische Chemie wesentlich die gleiche Rolle zu,welche für die Gesamtwisseuschaft die Elemente zu spielen berusensind. Diese Körper wirken, wie jene erklären, bald wie Chlor oderOxygen, bald auch wie ein Metall. Solange organische Materieals solche vorliegt, sind als ihre wahren Elemente die Radikaledes Ammoniaks, des Alkohols, das Cyan u. s. w. zu betrachten,und erst dann, wenn jene Materie ans irgend einem Grunde ihrerZerstörung entgegengeht, beginnen die Radikalverbiudungen zuzerfallen und sich in die gewöhnlich diesen Namen führenden Ele-mente, wie Kohlen-, Wasser-, Sauer- und Stickstoff aufzulösen.Diese Urstoffe der Körperwelt treten mithin nach Liebig undDumas ihre konstruktiven Eigenschaften gewissermaßen an die ausihnen gebildeten Radikale ab, lassen sich von diesen vertreten, so-lange organische Produkte iu Frage kommen, und fordern ihreälteren Rechte erst dann zurück, wenn der betreffende Körper durcheinen Auflösungsprozeß in das Reich der anorganischen Naturzurückkehrt. Wer wollte, hatte dann noch immer einiges Recht,zu sagen, daß dieLebenskrast" es sei, welche die Radikale inihrem Wirkungskreise als vikariierende Elemente festhalte, nnd erst,wenn dieses Agens schwinde, höre der bisherige Unterschied auf,iudem die bislang wie unteilbare Körper wirkenden Verbindungen,des immateriellen Bandes beraubt, in ihre wirklichen Urbestand-teile auseinanderfielen. Wer dagegen jene mysteriöse Unterstützungverschmähte, nahm seine Zuflucht zu der Hypothese, daß innerhalbeiner als Radikal zu bezeichnenden Gruppe eine besonders starkeAttraktion der molekularen Kräfte vorwalte.

Mit dem Jahre 1835 tritt uns in der Substitutions-theorie von A. Laurent (18071853) ein weiterer, sehr ernstgemeinter Versuch entgegen, die atomistischen Hypothesen, welche inder organischen Chemie umliefen, auf ein einheitliches Fundament