Chemie der Zünd- und Beleuchtungsstoffe.
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Eine mächtige Entfaltung ist anch hinsichtlich der Anwendungder Chemie in der Industrie zu konstatieren. Noch vor hundertJahren stand es traurig um das Beleuchtungswesen sowohl in denStraßen wie im Zimmer, und erst durch Chevreuls früher ge-nannte Fettanalyse wurde die seit 1825 im großen Stile betriebeneFabrikation der Stearinkerzen ermöglicht, zu denen, nachdemK. v. Reichenbach (1788—1869) aus Holztheer und bituminösenSchiefern einen verwandten Stoff herauszuziehen gelehrt hatte, seit1830 auch die Paraffinkerzen hinzutraten. Mit den Beleuch-tungsmitteln hielten die Zündmittel in ihrer Ausbildung gleichenSchritt. Zwar waren Kienspan, Fidibus und Stein-Zunder nichtleicht zu vertreiben, und die auf eiuem nicht-chemischen Prinzipeberuhende Zündmaschine von I. W. Doebereiner (1780 bis1849) konnte ihres nicht seltenen Versagens halber zu allgemeineremGebrauche nicht durchdringen; ja auch die seit 1812, freilich zu-nächst noch in äußerst rudimentärer Form, gebrauchten Zünd-hölzer erwarben sich nur ganz allmählich ihr Publikum. DiePhosphorhölzer brachten 1833 eine Umwälzung zuwege, obwohlauch ihnen der schlimme Ruf der Unsicherheit und Gefährlichkeitnoch lange anhaftete. Erst als 1848 der amorphe, ungiftigePhosphor erfunden worden war, fand die bequeme Vorrichtung inallen Kreisen Eingang. Die erste Straßenbeleuchtung mitGas, das man der Steinkohle abgewonnen hatte, wurde 1812in London, 1826 in Berlin eingeführt, während die Chinesenes schon im frühen Mittelalter verstanden hatten, das an vielenOrten dem Boden entströmende Natnrgas in Röhren aus Bam-bus nach der Stelle zu leiten, an welcher man es in Brandzu setzen wünschte. Das Leuchtgas aus Holz zu gewinnen, hatte1851 M. Pettenkofer (geb. 1818) gelehrt, doch machte dasHolzgas in der Praxis den Mineralgasen keine nachhaltige Kon-kurrenz.
Für die Farbenchemie wurde bahnbrechend eine Entdeckung,welche der Russe N. Zinin (1812—1880) im Jahre 1841 machte,und welche sodann den Anlaß zu einer großartigen VersuchsreiheA.W. Hosmanns darbot. Das Anilin, das zwar auch früherschon F. F. Runge (1795 — 1867) bemerkt, in seinem wahren
Günther, Anorganische Naturwissenschaften. 17