Druckschrift 
Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
262
Einzelbild herunterladen
 

262 IX. Die Chemie vor der Trennung in ihre beiden Hauptbestandteile.

uns in diesem Abschnitte so häufig begegnet, daß eine nochmaligeSkizziernng seiner Verdienste auf sich beruhen kann; doch mußhervorgehoben werden, daß es kaum ein Spezialgebiet der analy-tischen und organischen Chemie giebt, auf dem seine Thätigkeitnicht dauernde Spuren zurückgelassen hätte. Seme wichtigsten Er-folge im Bereiche der Ernährungschemie gehören einer späterenPeriode an, aber durch seineUntersuchungen über einige Ursachender Säftebeweguug im tierischen Organismus" (Braunschweig 1848)ist der Gang, den seine Arbeiten nahmen, bereits angedeutet, undseineTierchemie" (ebendort 1342) gab den sich hierfür Inter-essierenden das erste Lehrbuch in die Hand. Noch aber hatte, wenuman von halb spielenden Versuchen, so z. B. von den in ihrer Artja ganz verdienstlichen technologischen Schriften I. H. M. Poppes(17761854), absieht, niemand sich ernstlich dem Waguis unter-zogen, die Chemie zu popularisieren; Liebig wagte es, undsein Triumph war ein durchschlagender.Chemische Briefe" wurdenvon ihm zuerst in derBeilage der Allgemeinen Zeitung " ver-öffentlicht, nnd bald stellte sich die Notwendigkeit heraus, eineBuchausgabe derselben zu veranstalten. Die erste Auflage erschien1844, die sechste (posthum) 1878, und die Übertragung des un-gemein glücklich angelegten Werkes, welches der im Publikum nochso wenig bekannten Wissenschaft eine breite Gasse brach, in fünffremde Sprachen giebt wohl den genügenden Beweis dafür, welcheAnregung ihm zu danken war. Die im Herbst 1852 an ihn ge-langte Berufung uach München konnte sich Liebig nur schweranzunehmen entschließen. Allein König Maximilian II. hatteden festen Willen, seine Residenz, die bisher hauptsächlich Kunst-stadt gewesen war, auch zu einem Emporium der Wissenschaft zuerheben, wie dies zahlreiche Berufungen ausgezeichneter Männerbekundeten. Eine persönliche Besprechung entschied; die Liebens-würdigkeit des Köuigspaares erreichte, was die Darbietung äußererVorteile nicht vermocht haben würde.Ich habe mich verkauft,"sagte Liebig zu seinem künftigen Kollegen, dem ihm nahe stehendenPettenkofer.

Noch über zwanzig Jahre war dem großen Chemiker in derneuen Heimat zu wirken vergönnt; eine allen Erfordernissen ent-