Druckschrift 
Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
311
Einzelbild herunterladen
 

Borbereitung der aktualistischen Lehre durch v. Hoff. 311

Umsetzung des Meerwassers Hand in Hand gehen, die hier zneinem Ansteigen, dort zu einem Sinken des Wasserspiegels führt,und die alten Strandlinien, die A. Bravais 1842 auf seinernorwegischen Reise beobachtet hatte, setzten diese Ungleichheit in derHohe des Meeresniveans außer Zweifel. Die Mehrzahl der Geo-logen hielt mit v. Buch dafür, daß das Festland an der einenStelle sich aus dem Wasser hebe, auf einer anderen langsam indieses hinabtauche. Die berühmten, in ihrem Mittelstücke vonPholaden zerfressenen Säulen des Serapeums von Pozzuoli ,an welchen sich der Witz vieler Forscher, u.a. auch eiues Goethe, be-thätigt hatte, gaben ein gutes Argument für einen Wechsel ruck-weise erfolgender Landhebungen und Landsenkungen ab.

Den Standpunkt, daß die meisten Oberflächenveränderungendnrch langsame, stetig wirkende Agentien verursacht seien,vertrat entschieden und gewandt K. E. A. v. Hoff (17711837),dessen auf stupender Gelehrsamkeit aufgebautes Hauptwerk (Ge-schichte der durch Überlieferung nachgewiesenen Veränderungen derErdoberfläche" ^mit den späteren Ergänzungen fünf Bände^, Gotha 18221841) noch jetzt von keinem unbefragt bleibt, der sich dieAufgabe vorlegt, zu ermitteln, welche Physiognomie irgend einLandstrich vor so und so langer Zeit gehabt habe. Lyell tratgenau in v. Hoffs Fußstapsen, und man kann darthun, daß dereine vom anderen Manches empfangen, ihm jedoch auch Manchesgegeben hat. Nunmehr fing man auch an, den von derheroischen"Richtung vernachlässigten Kraftäußernngen der Erosion undDenudation eine erhöhte Bedeutung beiznmessen. Schon im18. Jahrhundert hatten viele Autoren, Guettard, Targioni-Tonzetti, Rimrod, I. L. Heim u. a., die Thalbildung mitder Auswaschung durch fließendes Wasser in Verbindung gebracht,aber unter dem Einflüsse der Hebungstheorie war man hiervonwieder abgekommen, nm die Thäler, vornehmlich diejenigen, dieangenähert senkrecht zur Streichnngsrichtung der Gebirge stehen,ganz allgemein, und ohne zu individualisieren, als Spalten derErdrinde aufzufassen. Bei v. Hoff tritt, noch einigermaßenschüchtern, die ältere Lehrmeinung wieder hervor, der dann auchK. A. Kühn (17831848), Mnrchison und, als eigentlicher