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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
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316 X. Die Geologie auf dem Wege von L. v. Buch zu Ch. Lyell.

solch ungeheurer Dilnvialströmungen eben an ihrer Ungeheuer-lichkeit nahm v. Buch Austoß auch im letzteren Falle postu-liert hatte.

Schon 1809 hatte der phantasievolle Astronom Gruithuisen die kühne Idee ausgesprochen, es möchten wohl solche Strömeganze Alpengletscher aus ihrem Bette gehoben und ins Flachlandverfrachtet haben, wo dann der Gletscher geschmolzen, sein Moränen-gestein zu Bodeu gesunken sei. Ein nicht ganz kleines KörnchenWahrheit ist in dem etwas sonderbar anmutenden und von derMitwelt gänzlich unbeachtet gelassenen Gedanken doch enthalten;er birgt in sich den Keim sowohl der Glazial- als auch derDrift Hypothese. Ungleich verständlicher trat erstere einige Jahrespäter vor das Publikum, als sich neben De Charpentier ins-besondere der Walliser Ingenieur I. Benetz (17881859) derFrage bemächtigte. Es steht fest, daß letzterer durch den jederwissenschaftlichen Erziehung ermangelnden Landmann und Gems-jäger Perraudin auf den richtigen Weg gebracht worden ist, denndieser erzählte dem von ihm in den Bergen herumgeführten Benetzganz harmlos, im Volke glaube man, daß die riesigen erratischenBlocke, von denen ja das Unterwallis ganz ungewöhnliche Exem-plare besitzt, von den ehedem weiter ausgedehnten Gletschern herab-getragen worden seien. Schon 1815 wurde der NaturforschendenGesellschaft der Schweiz, die sich auf dem Großen St. Bernhard zu-sammengefunden hatte, eine entsprechende, viel Staub aufwirbelndeMitteilung gemacht. Nächst Benetz griff das glaziale Prinzipmit Feuereifer besonders L. Agassiz auf, dem wieder seine FreundeDesor nnd K. F. Schimper zur Seite standen, und indem dieserfeinsinnige Beobachter den Begriff des Erratikums im weitestenSinne faßte und auch geschrammtes Gestein, Schliffe, ge-glättete Felsbuckel (Hammelfelsen") als sichere Anzeichen da-für nachwies, daß einst ein Gletscher über diesen Erdraumhinweggegangen sei, ward er zum Begründer der folgenreichenLehre von der Morünenlandschaft, deren Wesen, hiervon un-abhängig, schon 1820 I. F. Weiß (17831825) im Bereiche derschwälüsch-bayerischen Hochebene bestimmt hatte. Selbstredend wardie Herausbildung solcher Laudschaftsform nur möglich, wenn da-