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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Energie und Entropie.

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tritt absolute Energiezerstreuung und damit Bewegungs-losigkeit nnd Tod ein. Es ist von Rankine die Möglichkeitangedeutet worden, daß vielleicht doch wieder, wenn die Stoffmengeim Universum eine endlich begrenzte sei, eine Art von Reflexionund Wiederkonzentrierung der Energie in einzelnenHerden erfolgen könne; doch fehlt uns jeder Einblick in die gemut-maßte Wesenheit eines solchen Vorganges, und derselbe erscheintnoch hypothetischer, als dies von der Thomsonschen Dissi-pationstheorie selbst gesagt werden darf.

Es war wiederum Clausius, der für alle einschlägigen Be-trachtungen eine überaus glückliche Ausdrucksweise fand. Wie wirwissen, giebt es zweierlei Arten von Kreisprozessen, reversible undnicht-reversible; bei den ersteren geht von der verwandlnngs-fähigen Energie nichts verloren, wohl aber ist dies der Fall, wennkeine Umkehrbarkeit statthat. Dann also ist ein Quantum nichtmehr transformationsfähigcr Energie vorhanden, welchesClausius mit dem Namen Entropie belegt hat. Führt mandiesen Begriff in Thomsons Definition des Weltuntergangesdenn dieses wäre ja doch die Dissipation der Energie ein, so kannman kürzer sagen: Die Entropie der Welt strebt einemMaxim um zu. Mit der Einführung von Begriff und Wort hatder berühmte Physiker einen sehr glücklichen Griff gemacht.DasWort," so teilt er nns mit,habe ich absichtlich dem Worte Energiemöglichst ähnlich gebildet, denn die beiden dadurch benannten Größensind ihren physikalischen Bedeutungen nach einander so nahe ver-wandt, daß eiue gewisse Gleichartigkeit in der Benennung mirgerechtfertigt zu sein scheint." So verhält es sich in der That, undohne Widerspruch befürchten zn müssen, konnte für eines der bestenneueren Handbücher der Physik, denKanon" von F. Anerbach(geb. 1856), eine Gliederung in mir zwei Hauptkapitel gewähltwerden: Lehre von der Energie und Lehre von der Entropie.Übrigens hat der zweite Hauptsatz sich mancher Angriffe ge-achteter Gegner erwehren müssen, und erst in neuester Zeitkann er als völlig gesichertes Besitztum der Wissenschaft gelten,anch in dem ans die nicht umkehrbaren Kreisprozesse bezüg-lichen Teile.

Günther, Anorganische Naturwissenschaften. 23