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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
354
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Z54 XI. Der große Umschwung in der naturwissenschaftlichen Prinzipienlehre.

In der analytischen Fassung desselben tritt uns ein weitererBegriff entgegen, der allerdings schon bei Clausius' Auftreten keinvollständig neuer war, gleichwohl aber jetzt erst die richtige Würdi-gung sand. Wir hoben oben hervor, daß erst das energetischeZeitalter, wenn wir uns diesen an sich verständlichen Ausdruckgestatten dürfen, des Unterschiedes von Wärme und Temperaturgehörig inne wurde, obwohl man auch zuvor schon eingesehen hatte,daß in der Bestimmung der letzteren, vorab in der Wahl des Null-punktes, der ja eben deshalb auch bei Reaumur-Celsius undbei Fahrenheit nicht der nämliche war, einige Willkürlichkeitobwalte. Sollte wohl ein absoluter Nullpunkt der Tempe-ratur existieren? A. Crawford (17491795) hatte, als er seineersten Versuche über die spezifische Wärme der Gase anstellte, dieseFrage bejaht, den Nullpunkt selber jedoch unverhältnismäßig zu tiefangesetzt; weit näher waren Dalton, Laplace, Element undDeformes der Wirklichkeit gekommen. Aus der neuen Formu-lierung, welche Gay-Lussac dem Boyle-Mariotteschen Gesetzeerteilt hatte, ging der gesuchte Wert ohne weiters hervor, denn inihr steht der Faktor (1-s-«t), wo t das Temperaturwachstum, a denkonstanten Ausdehnungskoeffizienten der Gase vorstellt. Man fanda ^ 1 : 273, und wenn folglich t, ^ 273" gesetzt wird, so wirdjener Faktor zn Null, es ist gar keine Wärme mehr vorhanden.Der absolute Temperaturnullpunkt liegt demnach bei

273° L!. Allein auch damit war nur erst ein Rechnungswertgewonnen, und es blieb Thomson vorbehalten, im Jahre 1848 diemechanische Bedentnng der erwähnten unteren Grenze zu ermitteln.Die Temperatur ist stets proportional der lebendigenKraft, welche der von der Wärme bedingten Molekular-bewegung der kleinsten Körperteile innewohnt, und bei

273° hört jede derartige Bewegung auf. In Wahrheiteignet, wie zumal E. Mach (geb. 1838) dargethau hat, der Zahl 273diese ihr zuerst beigelegte hohe Bedeutung nur sehr bedingt. Alsdannherrscht absolute Kälte, während im Bereiche der gewöhnlichenTemperaturveränderungen Kälte nicht im Sinne von Aristoteles und Francis Bacon einer selbständigen Kategorie, sondern lediglicheinem Wärmeabfalle gleichzuachten ist. Thomson ging, gestütztauf