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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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406 XIII. Die Astronomie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

günstige atmosphärische Zustände auszunützen in der Lage ist, einescharfe Kritik, die H. I. Klein in Köln a. Rh. (geb. 1842), nichtminder ein gewiegter Planetenbeobachter, für berechtigt erklärt.Wie ungemein schwierig alle Messungen sind, weil ja eben an-erkannte Fixpunkte auf den Planetenscheiben sehlen, darüber orien-tiert eine zusammenfassende, besonders auch die ganze einschlägigeLitteratur musternde Studie aus W. Villigers Feder, welche 1898dieAnnalen" der Münchener Sternwarte brachten. Es wird hierdie kritische Sonde an die Ansichten gelegt, welche man sich überdie Beschaffenheit der unzweifelhaft existierenden Venusflecke ge-bildet hat; gemeiniglich erklärt man sie für reell, allein es ist auchsehr wohl denkbar, daß man es blos mit physiologischen Kon-trastwirkungen zu thun habe, und alsdann fallen natürlich allean die Ortsveränderung solcher Gebilde geknüpften Folgerungenin sich zusammen. Experimente, die Villiger mit einseitig be-leuchteten Gummi- und Gipskugeln anstellte, ließen die Schwierig-keit, nach der älteren Art scharfe Messungen der rotatorischen Be-wegung von Planeten auszuführen, aufs deutlichste hervortreten.Es besteht folglich kein Zweifel: Die alte Streitfrage nach derUmdrehnngszeit der beiden unteren Planeten tritt un-gelöst in ein neues Jahrhundert hinüber.

Ganz und gar nicht mehr von einer Streitfrage ist dagegendie Rede, wenn wir jetzt den Planeten Mars ins Auge fassen.Es ist derselbe nächst unserem Erdmonde derjenige Himmelskörper,welcher uns am genauesten bekannt ist, zugleich auch derjenige,welcher, wenn wir die Phantasmen eines Kircher, Huygensund Fontenelle nach I. Scheiners (geb. 1858) Andeutungenwissenschaftlich umbilden wollen, mit unserer Erde nahezuallein die Voraussetzung für das Leben physisch unsähnelnder Organismen darbietet. Der Planetenkörper istnahezu kugelförmig; seine Abplattung dürfte man mit Hart-wig und C. A. Joung (geb. 1834) jedenfalls kleiner als 1:200anzusetzen haben. A. W. Schur (geb. 1846) gelaugte sogar (1896)zu einer noch weit beträchtlicheren Annäherung des Marssphäroidesan die reine Kugelform. Schon seit älterer Zeit waren konstanteUngleichmäßigkeiten an der Marsoberflüche deutlich wahrgenommen