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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XIV. Die Astrophysik,

Wir beginnen wiederum mit der Sonne. Was zunächst dieZergliederung des Sonnenspektrums angeht, so wissen wir, daßdieselbe unter den Händen von Kirchhofs und Bunsen bereitsziemlich weit gediehen war, aber immerhin blieb auch ihren Nach-folgern noch ein stattliches Stück Arbeit vorbehalten, nnd auchdas 20. Jahrhundert wird noch mancherlei zn thun vorfinden.Fürs erste machte sich A. I. Ängström (1814 1874), der jaschon frühzeitig Untersuchungen über das Spektrum der Sonneangestellt hatte, an eine möglichst genaue Bestimmung der einzelnenLinien. In der Abhandlung, welche er 1368 der StockholmerAkademie einreichte, konnte er sich mit Fug rühmen, von 1000Linien die Wellenlänge scharf ermittelt zn haben; ihm ist derNachweis zu danken, daß von allen Grundstoffen das Eisen amkräftigsten, d. h. durch eine besonders große Anzahl charakteristischerLinien, in der Sonne vertreten ist. Dem schwedischen Forscherfolgte von 1873 an Lockyer, der jedoch stets einer Entdeckungnachjagte, die sich jedenfalls nicht in dem von ihm selbst gehofftenMaße bestätigen wollte. Er glaubte an eine himmlische Disso-ziation; mit anderen Worten, es sollten auf der Sonne, undwohl auch auf anderen Fixsternen, so abnorm hohe Temperaturenherrschen, daß die sogenannten Elemente, denen die Eigenschaftder Unzerlegbarkeit lediglich in den sehr engen Verhältnissenunseres Planeten zukäme, in noch einfachere Grundstoffe zer-fallen müßten. Diese Annahme sollte ganz entschieden für dieMetalloide gelten, die denn auch bis 1877 noch nicht in derSonne nachgewiesen worden waren. Lvckyers Anschauung hatviel Widerspruch erfahren; so unbedenklich auch jedermann zugebenwird, daß auf der Sonne Umstände obwalten, die ein irdische?Laboratorium niemals auch nur annähernd nachzubilden vermögendsein wird, so hatte doch andererseits der Ausgangspunkt seinerTheorie von dein Augenblick an die ihm beigelegte Bedeutung ein-gebüßt, da Draper den Sauerstoff als integrierenden Bestand-teil der Sonnenhülle erkennen wollte. Gewiß, diese Entdeckungwar anfänglich nichts weniger denn überzeugend, und es war einenicht gleichgiltig zu nehmende Gegnerschaft zu überwinden, abergerade in der allernenesten Zeit haben sich Anhaltspunkte dafür