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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XIV. Die Astrophysik.

Sonnenrand seine Bedeutung, denn derselbe ist dann nichtsweiter als das durch eine ungewöhnliche Strahlenbrechung ent-standene, vergrößerte Bild der kritischen Sphäre. Die Mehrzahlder Fachmänner verbleibt allerdings dabei, den Sonnenrand alsein Äqnivalent der Photosphäre aufzufassen.

Die Chromosphäre, um zu ihr fortzuschreiten, haben wir unsals einen Mantel stärkst verdünnter Gase zn denken.. Vielfachverlegt man in sie den Ort des die Fraunhvferschen Linien er-zeugenden Umkehrungsprozesses; doch wird dem von Lockyerwidersprochen, der ihr aber immerhin einen namhaften Einflußauf Anzahl und Stärke dieser Streifen zuerkennt. Irgend eineinnere Verschiedenheit zwischen Chromosphäre und Korona wirdnicht zu vermuten sein, indem nur iu letzterer der Verdünnungs-prozesz noch entschiedener seines Amtes gewaltet hat. Die Koronanimmt an den durch die elfjährige Sonnenfleckenperiode bedingtenVeränderungen nach Lockyer ebenfalls teil. Vor etwa zehn Jahreneutstand auf nordamerikanischem Boden, hauptsächlich vou Bigelowund Schaeberle gefördert, eine magnetelektrische Theorieder Korona; die Strahlenbüschel, welche in ihr erkannt wordensind, erklärte man für Kraftlinien im Faraday-MaxwellschenSinne, die, um die im elften Abschnitte auseinandergesetzte Be-zeichnungsweise beizubehalten, in den beiden Sonnenpolen jeweilseine Quell- und eine Sinkstelle haben sollten. Diejenige Anordnungaber, welche bei der Sonnenfinsternis vom 16. April 1893 anden erwähnten Strahlenbüscheln wahrgenommen wnrde, ist derAnnahme, daß die feine Koronamaterie unter der polaren Ein-wirkung des Sonnenkörpcrs sich ähnlich in Linienzügen anordne,wie ,nan dies bei Eisenfeilspänen unter der Einwirkung einesStab- oder Hufeisenmagneten beobachtet, nicht gerade günstig znnennen.

Als in den vierziger Jahren die Protuberanzen, die übrigensder Schwede Vassenius schon anläßlich der Finsternis von 1706sachgemäß beschrieben hat, in den Vordergrund des wissenschaftlichenInteresses traten, war man, wie erwähnt (Abschnitt V) anfänglich nichtrecht geneigt, dieselben als echt solare Gebilde anzuerkennen, undO. v. Feilitzsch sprach sie, von den Ergebnissen seiner Experimente