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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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494 XV. Die mechanischen Disziplinen in der neuesten Zeit.

Haltung störender Einflüsse durch Luftzug, Torsiou u. s. w. besorgtwar, und konstatierte nun mit freiem Auge, daß die Schwingungs-ebene des Pendels sich drehte und schließlich eine volle Umdrehungnm die Ruhelage in einer Zeit ausführte, die nach Foucaultgefundeu ward, wenn man mit dem Sinus der geographischenBreite des Beobachtungsortes in 24 Stunden dividiert. Unterden Polen beträgt demnach die Umdrehungsdauer genau 24^,und am Äquator nimmt sie eine unendlich lange Zeit in Anspruch,d. h. es findet überhaupt keine Bewegung statt, was schon darauserhellt, daß der Gleicher zu beideu Erdhalbkugeln gehört und aufder nördlichen Hemisphäre eine Ablenkung nach rechts, auf dersüdlichen eine solche nach links stattfindet. Der Versuch ist un-zühligemale wiederholt worden, uud einige dieser Wiederholungenhaben durch die Ortlichkeiten, an denen er stattfand, von sich redenmachen. So zeigten K. Garthe (17961876) im Kölner Dome(1852) und Secchi im Pantheon zu Rom etwas früher einergroßen Zuhörerschaft, wie sich die Erde unter dem in seinerOszillationsebene unverändert bleibenden Pendel wegdreht, undwie durch Sinnestäuschllng das Bewegungsbild derart umgeformtwird, daß man eine Bewegung des Pendels ans der ruhendenErde wahrzunehmen glaubt. Die Anzahl der Gelehrten aber,welche das von Foucault ganz elementar begründete Drehnngs-gesetz exakter zu beweisen oder als angenäherten Ausdruck einer inWirklichkeit verwickelteren Gesetzmäßigkeit nachzuweisen versuchten,ist eine so große, daß sich deren Auszählung verbietet. Von diesensür die theoretische Mechanik wertvollen, den Physiker selbst da-gegen nicht näher berührenden Arbeiten wollen wir nur die beidenals besonders bemerkenswert hervorheben, welche von Hansen imJahre 1856 und von Poncelet im Jahre 1860 ausgegangensind. Die ausgedehnteste Versuchsreihe, welche anch dazu diente,die erwähnte Näherungsformel als eine im Bereiche der doch nieganz auszumerzenden Fehlerquellen völlig ausreichende nachzuweisen,lieferte gleich 1851 T. G. Bunt in Bristol , der ein 53 englischeFuß langes Pendel benützte. Die fast zahllosen analytischen undexperimentellen Studieu über den Pendelversuch hat A. I. Pickin Wien in einer 1876 veröffentlichten Abhandlung derZeit-