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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Elastische Nachwirkung.

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F. Neesen (geb. 1849) u. a. über das viele Schwierigkeiten insich bergende Phänomen bekannt gaben, konnten die bereits vor-liegenden Erfahrungsthatsachen genügend, wiewohl von verschiedenenStandpunkten ans, aufhellen; nicht jedoch reichten sie aus, umden weitereu Beobachtungen zu genügen, mit denen Kohlrausch1876 hervortrat. Einem Stäbe wird zuerst eine namhaftereStreckung und nächstdem eine geringfügigere Kontraktion zugefügt;überlaßt man ihn hierauf sich selbst, so überwiegt fürs erste derzuletzt erteilte Bewegungsantrieb, aber nach einiger Zeit fängt derStab sich ganz von selbst, ohne irgendwelches fremdes Zuthuu,wieder zu strecken an, so daß die Bewegungsrichtung spontan ihrPorzeichen wechselt.Ich kenne wenige so überraschende Vorgänge,wie diese freiwilligen Beweguugsäuderungen eines leblosen Körpers",meinte Kohlrausch mit gutem Rechte. K. F. Braun (geb. 1850)sprach sich auf Grund seiner Experimente dahin aus, daß zwischender Molekularnktivn, welche die gewöhnlichen Bewegungen ange-griffener und dann wieder freigegebener elastischer Körper verur-sacht, und derjenigen, auf welche die elastische Nachwirkung zurück-zuführen ist, ein grundsätzlicher Gegensatz obwalte. Ungemeinverallgemeinert wurde der Staudpunkt, von dem aus dieser einst-weilen noch lokalisierte Erscheinuugskomplex betrachtet worden war,1882 dnrch A. Hesehus, der darauf hinwies, daß es eine großeAnzahl von Vorkommnissen in allen Gebieten der Physik giebt,welche eine unverkennbare Ähnlichkeit mit der anscheinenden Will-kürlichkeit in den Bewegungen der elastischen Körper bekunden; essei nur an die als optische Nachwirkungen zu bezeichnendenLichterscheinungen der Fluoreszenz uud Phosphoreszenz appelliert.Die Gesetze der elastischen Nachwirkung haben Boltzmann (1876)und E. Wiechert (1893), dieser unter Annahme konstanter Tempe-ratur, festzulegen getrachtet. Wie sehr auch die Praxis an einererschöpfenden Aufdeckung der hier obschwebenden GesetzmäßigkeitenInteresse zu nehmen hat, lehrt uns das allen wissenschaftlichenReisenden nur zu bekannte Beispiel der Federbarometer. Mansagt ihnen allseitig nach, daß sielaunenhaft" seien, allein dieSprunghaftigkeit, mit der die Lamellen auf- nnd abschnellen, hateben größtenteils in der elastischen Nachwirkung ihreu Grund.