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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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XV. Die mechanischen Disziplinen in der neuesten Zeit.

Frage, wie sich die kubische Zusammen drück barkeit der Körpergestalte, ist von Wertheim in Angriff genommen worden, derauch von Hause aus Mediziner der Physiologie nutzbringendeAngaben über die Elastizität der tierischen Gewebe zur Verfügungstellte. In theoretischer Hinsicht ist vor allem G. Kirchhofs zunennen, der die wahre Natnr des zuvor für konstant gehaltenenVerhältnisses der Querkontraktion zur Dilatation eineselastisch beanspruchten Stabes feststellte. Die mathematische Lehrevon der Elastizität erhielt die wertvollsten Anregungen durch dieWerke, welche Lame (1852), Clebsch (1862), Beer (1869),Grashof (1878) Herausgaben. Neben diesen Mathematikernkommt als einer der eifrigsten Bearbeiter der ElastizitätstheorieA. I. C. Barre de Saint-Venant (17971886) in Betracht,der u. a. noch knrz vor seinem Tode (1884) das Clebschsche Lehr-buch in die französische Sprache übertrug. Die wichtigsten Eigen-schaften der elastischen Körper schienen schon zu Beginn des Jahr-hunderts bekaunt zn sein, als eine im Jahre 1835 von W. Weberentdeckte Erscheinung den Anlaß zu einer gewissen Umbildung dererworbenen Anschauungen gab. Es ist dies die elastische Nach-wirkung; mit der Erklärung derselben und mit der genauerenErforschung ihres quantitativen Verhaltens haben sich Clansiusund F. Kohlrausch (geb. 1840) hauptsächlich beschäftigt. Wennein elastischer Körper ausgedehnt oder sonst in seinem inneren Zu-sammenhange gestört wird, ohne daß es jedoch zur Überschreitungder Elastizitätsgrenze kommt, so kehrt der Körper, wenn auchnie ganz vollständig, in den anfänglichen Zustand zurück, sobalddie störende Ursache zu wirken aufgehört hat; in Wahrheit abertritt stets einige Zeit, nachdem bereits der Endzustand erreichtschien, nochmals eine Bewegung ein. Weber und Kohlrausch gehen von der Annahme aus, daß jeder Impuls in den kleinstenTeilchen des beanspruchten Körpers eine doppelte Bewegung, einetranslatorische und eine gyratorische, zuwege bringt; namentlichgegen diese letztere Tendenz mache sich ein kräftiges Widerstrebender Korpuskeln geltend, und die damit ausgelöste Kraft brauchelängere Zeit, um sich geltend zn machen. Die weiteren Unter-suchungen, welche L. Boltzmann , O. E. Meyer (geb. 1834),