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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Beziehungen zwischen Druck und Aggregatzustand.

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Sinne unterzogen. Seine Arbeiten gipfeln ebenfalls in der An-erkennung der Thatsache , daß durch Druck feste Körper insFließen gebracht werden können. Kick vermochte die bruch-lose Umformung von Körpern zu erreichen, die sonst durch ihreSprödigkeit ausgezeichnet sind. In allerneuester Zeit hat auchL. Grunmach (geb. 1851) dankenswerte Beiträge zu der besserenKenntnis dieses Erscheinungskomplexes geliefert. Wenn ein vertikalaufgehängter, mit Gewichten belasteter Stab bereits über die Streck-grenze hinaus gezerrt ist, so treten an seiner Außenseite die so-genannten Streckfiguren hervor, Kurvensysteme, die sich als dieVerbindungslinien der Punkte gleichen Zuges und gleichen Druckesdenten lassen; sie sind das unverkennbare Kriterium des Fließensder Metalle.

Man sieht, daß hier ein gewisses Paradoxon inmitten liegt;aus der einen Seite wirkt der Druck, wie bei den Spring scheuVersuchen, verfestigend und auf der anderen mnß ihm anscheinenddie Fähigkeit, die Moleküle voneinander zu entfernen, zugesprochenwerden. Daß letzteres, wenn die Pressung gewisse Grenzen über-schritten hat, wirklich der Fall ist, erhellt auch aus den RechnungenI. Bauschingers (1379), die sich inhaltlich mit denjenigenG. Bellis (1791 1860) decken, in' Methode nnd Folgerich-tigkeit aber weit darüber hinausgehen. Wenn man die Kraft-wirkungen, welche ein sehr tief liegendes, ursprünglich aus festemGesteine bestehendes Raumteilchen der Erdkruste auszuhalten hat,analytisch darstellt, so zeigt sich, daß der Druck, der weiter obeneben stets nur in der durch die Kraftrichtung gegebenen Linie sichfortpflanzt, allmählich mehr und mehr sich ausbreitet, und zuletztwird ein Grenzzustand erreicht, der dadurch gekennzeichnet ist, daßder Druck radial nach allen Seiten hin fortschreitet.Gerade dies ist aber bekanntlich die Fundamentaleigenschaft flüssigerKörper, und es wird also damit ausgesagt, daß sehr energischerDruck eine Annäherung des festen an den tropfbar-flüssigen Zustand herbeiführt. Wir werdeu iu dem von derGeologie handelnden Abschnitte diese überaus merkwürdigen unduoch lange nicht ausreichend erforschten Relationen zwischen Drucknnd Molekularzustand aufs neue in Betracht zu ziehen haben.