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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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524 XV. Die mechanischen Disziplinen in der neuesten Zeit.

Groß zu nennen; am 11. Mai 1894 nahmen beide zusammen eineHöhe von 8000 m, die also schon nahe an diejenige des höchstenBerges der Erde, des Ganrisankar im Himalaya , heranreicht, undder 4. Dezember des gleichen Jahres hatte die größte Leistung zuverzeichnen, die bisher einem Menschen geglückt ist; Berson drangbis 9150 m vor nnd maß hier einen Thermometerstandvon47°. Sehr viel höher wird sich wahrscheinlich nicht ge-langen lassen, weil eben die Existenzbedingungen für den mensch-lichen Organismus nicht mehr erfüllt sind. Durch die Abschaffungdes Ankers, sowie durch die Erfindung der Reißleine, welcheaus der Waud des Ballons ein sphärisches Zweieck jäh loszulösenund damit den Abstieg unverhältnismäßig sicherer zu gestalten er-laubt, ist den Luftfahrten die früher immerhin nicht ganz zuleugnende Gefährlichkeit so gut wie gänzlich genommen worden.Auch hat man die lange Zeit recht viel zu wünschen übrig lassendeOrtsbestimmung auf dem treibenden Ballon vorzunehmen ge-lernt, und nachdem S. Finsterwalder (geb. 1862) die Photo-grammetrie soweit ausgebildet hat, daß mit ihrer Hilfe eine sehrexakte Vermessung des überflvgenen Terrains erfolgen kann, hatauch die Geographie an dieser Technik, die dereinst nur einen reinsportlichen Charakter zu besitzen schien, lebhaften Anteil zu nehmenbegonnen. Es giebt jetzt uicht weniger denn sieben Fachorgane infranzösischer, englischer nnd deutscher Sprache; letztere sind dieunter der Ägide der Berliner Gesellschaft erscheinendeZeitschriftfür Luftschiffahrt und Physik der Atmosphäre" und die vonR. Emden (geb. 1862) redigiertenIllustrierten cwronantischenMitteilungen". Ein Lehrbuch vou Wert, das freilich durch diemodernsten Erfindungen schon wieder einigermaßen überholt ist,hat 1886 Moedebeck geschrieben; ihm folgte 1895 ein fehr brauch-baresTaschenbuch". Im wichtigsten Punkte freilich steht dieLufttechnik heute noch völlig auf dem Standpunkte, den auch dieersten Erfinder des Ballons einnahmen. Irgendwelche Lenk-barkeit des Ballons ist zur Zeit noch ein frommer Wuusch;sobald man sich nicht mit dem Fesselballon begnügt, muß man dasFahrzeug einfach dem Winde überlassen. Dies bringt freilich dieAnnehmlichkeit mit sich, daß die Insassen der Gondel nicht die