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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
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5ZY XV. Die mechanischen Disziplinen in der neuesten Zeit.

fand um so weniger Anklang, als bald darauf (1857) BuusenSbahnbrechendes WerkGasometrische Methoden" erschien, worindie Gasbewegung ohne Zuhilfenahme jener besonderen elektrischenoder molekularen Kräfte, an welche Jamin appellieren zu müssenvermeint hatte, nach den stets giltigen mechanischen Sätzen ab-gehandelt nnd einer neuen Auffassung sowohl der Reibung alsanch der Adhäsion nnd Absorption der Gase vorgearbeitetwurde. Theoretische Betrachtungen über die Notwendigkeit, dieinnere Reibung auch bei der Herleituug der aerodynamischen Grund-gleichungen zu berücksichtigen, stellte Stokes 1851 an. Doch fehltennoch Hilfsmittel, um die fraglichen Reibungskoeffizienten auchnumerisch auszudrücken, und es wurden solche erst 1866 gleichzeitig,aber unabhängig, von Maxwell nnd O. E. Meyer nachgewiesen,und zwar bedienten sich beide, wie dies seinerzeit schon Coulombaugedeutet hatte, einer Scheibe, die an einem tordierten Fadenhing und, indem dieser wieder den Normalzustand seiner Fasernherzustellen bestrebt war, sich um ihren Mittelpunkt zu drehengezwungen wnrde. Neben der beschleunigenden Kraft der Torsionmachte sich dann als einzige retardierende die innere Gasreibunggeltend; denn die Reibung findet nicht etwa, wie man zunächstanzunehmen versucht seiu konnte, zwischen Gas und Festkörper,sondern zwischen ruhendem und bewegtem Gase statt, weil derScheibe eine dünne Gasschicht sest adhäriert. So fand sich, daßDichte und Druck den Koeffizienten der inneren Reibung nichtbestimmen ein anfänglich überraschendes Ergebnis, daS abernach Meyer völlig mit den Folgerungen, die aus der kinetischenTheorie der Gase zu ziehen sind, übereinstimmt. Um die weitereAusbildung der Experimentalmethoden sowohl als auch der mathe-matischen Untersuchnngsmittel haben sich die beiden ÖsterreicherA. v. Lbermayer (geb. 1844) und I. Puluj (geb. 1845) ent-schiedene Verdienste erworben. Ersterer errang sich den Baum-gartnerschen Preis der Wiener Akademie durch seine Darlegungdes Verhältnisses, in welchem sich mit der Temperatur der Reibungs-koeffizient der Gase ändert; auch Puluj bearbeitete das nämlicheProblem und erweiterte das ganze Arbeitsfeld noch (1878 und1879) dnrch die Feststellung der spezifischen Eigentümlichkeiten,