Der sphäroidale Zustand.
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Wenn wir weiter unseren Blick durch die Entwicklungsgeschichteder Kalorik schweifen lassen, so haftet derselbe für einige Zeit aufeinem schon in früheren Jahren viel besprochenen Versuche, deraber erst viel später seine wirklich zureichende Erklärung fand.Wir meinen das sogenannte Leidensrostsche Phänomen, 1756dnrch den damaligen Professor der kurzlebigen Universität Duis-burg entdeckt uud darin bestehend, daß ein Flüssigkeitstropfen, derauf eiue glühend heiße Metallfläche fällt, nicht etwa sofort ver-dampft, sondern als stark abgeplattetes Ellipioid sich auf der Unter-lage frei bewegt, bis mit der Abkühlung bei einem gewissen Tem-peraturgrade ein jähes Verpuffen eintritt. Perkins machte hierfüreine „abstoßende" Kraft der Wärme, über deren Natnr freilich garnichts bekannt war, verantwortlich, und P. H. Boutigny l?—1884),der seine siebzehnjährigen Erfahrungen über das, was er densphäroidalen Zustand der Körper nannte, im Jahre 1857der Öffentlichkeit übergab, wollte eben diesen Zustand als einenvierten den bereits bekannten drei Aggregatzuständen der Materiezur Seite gestellt wisseu, was aber von Buff, V. Pierre (1819bis 1886) uud Poggendorff zurückgewiesen wnrde. Immerhinwaren auch die Gegner nicht einig über die Beschaffenheit einessonst nicht leicht zn beobachtenden Verhaltens der Körper, uudnoch 1863 suchte sich I. Berger (geb. 1831) auf Grund desselbeneine eigenartige Molekularphysik zurechtzumachen, allein nachdemPoggendorff auf elektrischem, Tyndall auf optischem Wege diefrühere Vermutung zur Gewißheit erhoben hatten, daß zwischenTropfen nnd heißer Platte keine direkte Berührung statt-findet, bildete sich rasch die richtige Erklärung heraus: EineDampfschicht isoliert die Wassermasse so lange, bis diezunehmende Abkühlung der Dampfbilduug eine Grenzesetzt. So versteht man auch die uralte, in Hochofenwerken oftgemachte Wahrnehmung, daß die Arbeiter mit bloßer Hand dnrchden weißglühenden Eisen- oder Glasstrom hindnrchfahren; der aufder Haut kondensierte Dampfüberzng verhindert eben eine unmittel-bare Berührung mit der heißen Masse. Gewisse merkwürdigeVorkommnisse bei mittelalterlichen „Gottesurteilen" sinden somöglicherweise eine sehr natürliche Deutung. Später (1873) hat