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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Dampfspannung; kinetische Gasthevne.

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tinuierlichen Charakters halber beseitigt in dem Systeme von Ottound Langen, welches seit 1867 in gewerblichen Anlagen einegroßartige Propaganda gemacht hat. Neuerdings sind alle diesemehr oder weniger kalorischen Motoren durch diejenigen abgelöstworden, bei denen die elektrische Kraft deu treibenden Faktor dar-stellt. Dagegen hat die Dampfmaschine in ihrer Bedeutnng fürLokomotion durch pneumatische und elektrische Kraftquellen nnreine bedingte, an gewisse Grenzen gebundene Konkurrenz erfahren.Hier ist in erster Linie maßgebend die mathematische Beziehungzwischen Temperatur und Elastizität des Wasserdampfes;in geschlossener Form läßt sich jedoch eine solche nur näherungs-weise ermitteln, und schon in den fünfziger Jahren kannte maneinige vierzig hierzu vorgeschlagener Formeln, nnter welchen die-jenigen von Magnus, Holtzmanu und Frankenheim die be-'kanntesten waren. Der Praktiker hält sich aber immer am liebstenan die umfassendsten Regnaultschen Tabellen, die ihren empi-rischen Ursprung nicht verleugnen wollen, durch ihre Genauigkeitaber noch heute eine hoch geachtete Stellung in der Wissenschafteinnehmen. Bei der Ausarbeitung dieser Zahlen hatte der großePhysiker selbst die persönlichen Gefahren nicht gescheut, welche ihmdrohten, wenn die Probekessel mit sehr hoch gespannten Dämpfengefüllt wurden.

Es lag uns in dem die große Revolutionieruug der Physika-lischen Grundanschauungen schildernden Abschnitte zunächst nur ob,ganz allgemein das Wesen der kinetischen Gas theorie zu kenn-zeichnen; nunmehr tritt die Pflicht an uns heran, die Vorstellungendieser letzteren näher zu präzisieren. Es war Kroenig, der dieGesetze von Mariotte, Gay-Lussac und Avogadro dnrch dieeinfachsten elementargeometrischen Betrachtungen aus der Annahmeherleitete, daß die kleinen elastischen Gasbälle durch einanderschwirren, sich gegenseitig stoßen und auch von einer Wand, aufdie sie treffen, nach den Gesetzen des elastischen Stoßes zurück-geworfen werden. Clausius stellte sich in der Hauptsache aufden gleichen Standpunkt, hielt aber daneben noch vibratorischeund rotatorische Bewegungen der Gasmoleküle für unbe-dingt notwendig, um dein Umstände gerecht zu werden, daß die