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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Ältere elektrodynamische Theorien.

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Einen analytischen Ausdruck für die Kraft, mit welcher zweivon einem galvanischen Strome durchflossene Linienelemente aufeinander wirken, hatte erwähntermaßen schon Ampere gegeben,allein es lag hier mehr die glückliche Eingebung eines genialenGeistes als das Endprodukt einer folgerichtig fortgesponnenenGedankenreihe vor. Das Jahr 1846 brachte eine sehr erheb-liche Bereicherung der bezüglichen Theorie, denn damals begannW. Weber, iufolge des berüchtigten Staatsstreiches als einer derGöttinger Sieben" nach Leipzig übergesiedelt, seine in langerReihe publiziertenElektrodynamischen Maßbestimmungen",die in der Geschichte dieses Teiles der Naturlehre Epoche machten,herauszugeben. An die Spitze stellte er eine Formel, die gleich-mäßig für ruhende und für strömende Elektrizität gilt und alseine Erweiterung des altbekannten Ausdruckes für das Gravi-tationsgesetz gelten kann; W. Scheibner (geb. 1826), durchseine Arbeiten auf dem Gebiete der astronomischen Störungstheoriehervorragend, hat denn auch am Beispiele des Planeten MerkurWebers Ausdruck erprobt, aber gefunden, daß das Zusatzgliedwenigstens für Bewegungen innerhalb unseres Sonnensystemes aufalle Fülle zu geringfügig ist, um in Betracht zu kommen. Des-ungeachtet war das Web ersehe Kraftgesetz eine Neuerung vonhöchster Bedeutung; denn es ward erstmalig der Möglichkeit gerecht,daß der Betrag der gegenseitigen Einwirkung nicht lediglich vonMasse nnd Entfernung, sondern auch vom aktuellen Beweguugs-zustande der sich beeinflussenden Kraftquellen abhängen könnte.Kroenig, der sonst so vorurteilsfreie Atomistiker, vermochte sichnicht mit dem Gedanken auszusöhnen, daß eine Kraft durch eineGeschwindigkeit bedingt wäre. Jedenfalls lag aber ein Keim fürBedenken darin, daß man mit Stromelementen operieren mußte,während in der Wirklichkeit doch nur geschlossene Ströme,deren Wirkung erst durch eiuen Jntegrationsprozeß zu erhalten ist,ins Bereich der Beobachtung sallen. So erschienen also auch baldanderweite Formulierungen für das elektrodynamische Grundgesetz;1845 gab Graßmann eine solche, den wir oben (Abschnitt III)kennen lernten, und 1847 folgte ihm Franz Neumann , dessen

Sohn K. Neumann (Abschnitt XV) den gleichen Gegenstand in

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