Die elektrodynamischen Theorien der neuesten Zeit.
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vrternden H. Lorberg (geb. 1831). Nach einer ganz anderenSeite hin suchten den Ausgleich die nahe gleichzeitig (1867 und1868; erstere posthum) erschienenen Abhandlungen der beiden aus-gezeichneten Mathematiker B. Riemann — vgl. den zweiten Ab-schnitt — und K. Neumann; ersterer sprach sich sehr bezeichnend,wie folgt aus: „Ich habe gefunden, daß die elektrodynamischenWirkungen galvanischer Ströme sich erklären lassen, wenn manannimmt, daß die Wirkung einer elektrischen Masse auf die übrigenMassen nicht momentan geschieht, sondern sich mit einer kon-stanten, der Lichtgeschwindigkeit innerhalb der Grenzen der Beob-achtungssehler gleichen Geschwindigkeit zu ihnen fortpflanzt."Damit ist offenbar jenen neuen, gewichtigen Arbeiten vorgegriffen,durch welche, wie sich zeigen wird, die Identität der Fortpflanzungs-geschwindigkeiten von Licht und Elektrizität nachgewiesen ward.Daß auch Edlund die Kraft seiner vorerwähnten Äthertheorie andiesem Probleme erprobte, versteht sich von selber, und ein Gleichesthat auch Hankel, der die elektrischen Erscheinungen durch rota-torische Bewegungen sowohl der Äther- als auch der Kvrper-moleküle zu erklären suchte, indem er den Drehsinn als für dasVorzeichen der elektrischen Ladung bestimmend betrachtete. Dieneuere und neueste Entwicklung der elektrodynamischen Theorienkann man am besten aus den 1879 und 1900 an die Öffentlichkeitgetretenen Schriften der beiden Göttinger Physiker K. V. E. Riecke(geb. 1845) und E. Wiechert kennen lernen. Von ausländischerLitteratur seien die sundamentalen Werke von H. C. FleemingJenkin (1833 — 1885) und PH. Silvanus Thompson (geb.1851) hervorgehoben, welche bezüglich 1878 nnd 1881 erschienen;von ersterem liegt Fr. Exners verdienstliche deutsche Bearbeitung(„Elektrizität und Magnetismus", Braunschweig 1880) vor. DurchJenkin sind insbesondere auch gewisse Vereinfachungen für dieBestimmung der Richtungen, in welchen gewisse Ströme fließenund gewisse Kräfte wirken, eingeführt worden, auf deren hoheNutzbarkeit und Übersichtlichkeit, namentlich auch für die elektro-technische Praxis, unter den deutschen Physikern zuerst H. Ebertden richtigen Nachdruck gelegt haben dürfte. Das große, aus demAnschaunngskreise von Faraday-Maxwell hervorgegangene Werk