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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Die medizinische Physik.

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allein das kann und darf uns nicht abhalten, den physikalischenStandpunkt als einen gleichberechtigten schars zu betonen, unddem ferner stehenden Leser kann es nur erwünscht sein, die gleichenGegenstände nnter zwei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtetzu sehen.

Über die intimen Beziehungen zwischen Heilkunde und Natur-lehre war man so wenig im Unklaren, daß sich im 17. und 18. Jahr-hundert die Sekten der Jatromath ematiker, Jatrochemiker,Jatromechaniker bilden konnten, die einen nicht zu unterschätzen-den Einfluß auf die Entwicklung der medizinischen Anschauungenausgeübt haben. Darf man doch sogar Boerhave, den ohneFrage bedeutendsten Arzt seines Zeitalters, dieser Richtnng zu-rechnen, als deren Programmwerk A. Morasch'?1,i1osox1ii^Ätomisties." (Jngolstadt 1727) betrachtet werden kann. Daß derjunge Mediziner einen physikalisch-chemischen Vorkurs absolvierthaben müsse, ehe man ihn zum fachwifsenschaftlichen Stndium imengeren Sinne zulassen darf, war schon fast seit Beginn des19. Jahrhunderts eine feststehende Thatsache. Allein von da warnoch immer ein ziemlich weiter Weg zur Ausbildung einer eigenenmedizinischen Physik. Das Bedürfnis, auch eine solche zur Ver-fügung zu haben, ein Bedürfnis, welches sich beispielsweise in demäußeren Umstände zn erkennen giebt, daß verschiedene Universitäten,wie Berlin und Bonn , Berussphysiker in ihren medizinischen Fakul-täten als Professoren bestellt haben, wnrde zuerst in Deutschland richtig erkannt, und zwei unserer bedeutendsten Physiologen, dieallerdings auch sonst den Kontakt mit Philosophie nnd Natur-wissenschaft aufs engste wahrten, so daß der zweite von ihnenschließlich ganz zum Philosophen wnrde, haben uns die erstenWerke über den neuen Wissenszweig geschenkt. Dies sindDiemedizinische Physik" (Brannschweig 1858; 1884 zum dritten Maleaufgelegt) von A. E. Fick (geb. 1829) und dasHandbuch dermedizinischen Physik" (Leipzig 1867) von W. Wundt (geb. 1332).

Konstruieren wir uns den Inhalt und das Wesen des nenenWissenszweiges auf Grund des Programmes, welches das älteredieser beiden Werke sich vorgesetzt und zu einer den damaligenVerhältnissen entsprechenden Erledigung gebracht hat, so sehen wir,