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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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678 XVIII. Die Chemie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.

sogenannten Typentheorie" leugnete auch v. Liebig nicht mehr,der in den vierziger Jahren die Schärfe seiner Kritik, nicht durch-weg ganz objektiv, an Gerhardts Jugendarbeiten erprobt hatte,aber für die Philosophie der Chemie, für die chemische Statik,mit Berthollet zu sprechen, war nicht eben viel gewonnen.Immerhin war der nach der angegebenen Richtung hin erzielteFortschritt bedeutungsvoll genug, um die Frage, wer sich bei dem-selben hervorragend beteiligt hatte, zum Gegenstande lebhafterErörterungen und Prioritütsreklamationen zu machen. NebenLaurent, Wnrtz und Williamson, der zum öfteren mitL. Chiozza vereint arbeitete, ist da auch der AmerikanerTh. St. Hunt (18261892) zu nennen, der Urheber eineroriginellen, chemischen Erdbildungshypothese; seine in SillimansJonrnal veröffentlichten Abhandlungen waren in Europa nnr weniggelesen wordeu.

Jedenfalls bot Gerhardts Einteiluugsmodus eine bequemeund sichere Unterlage sür weitere Untersuchungen ans dem vonihm kultivierten Arbeitsfelde. Williamson hatte 18S1 daraufhingewiesen, daß es mehrbasische Radikale geben könne, undhieran knüpfte fechs Jahre spater ein noch jugendlicher Gelehrteran, dem seine Wissenschaft noch für tiefgreifende Förderung ver-pflichtet werden sollte. Friedrich August Kekule nachmalsKekule von Stradonitz (1829 1896) erweiterte dieGerhardtsche Systematik durch die Annahme der gemischtenTypen, an deren Existenz der ältere Meister nur insofern schüchterngedacht hatte, als er für die Aminbasen einen Typus Ammoniak ->-Wasser aufstellte, der eben als ein gemischter bezeichnet werdenmuß. Diese neuen Typen ließen den Zusammentritt mehrererMoleküle zum Bilden von Verbindungen als eine Notwendigkeiterscheinen. Jetzt siel der Gegensatz zwischen gepaarten und anderenchemischen Verbindungen fort, indem der für ersteren Fall nor-mierte Typus einfach Radikale an der Stelle des Wasserstoffsaufwies. So war Gerhardts Theorie nicht nur wesentlich ab-gerundet, sondern auch innerlich gefestigt worden, so daß sie, wieLadenburg betont, eine Reihe von Jahren hindurch die organischeChemie zu beherrschen vermochte. Aber wie dies in der Geschichte