680 XVIII. Die Chemie in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.
Ausdrucksweise nicht mehr Bestand hat. Das Wort Paarung,welches von Berzelins und Gerhardt, allerdings nicht inidentischem Sinne, gebraucht worden war, übertrug der MarburgerChemiker, der ein Jahrzehnt später (1865) eine Zierde der Leipziger Hochschule werden sollte, auf die Zusammensetzung der als organischbezeichneten Körper überhaupt; dieselben sind durchweg ge-paarte Radikale, und zwar ist es zumeist der Kohlenstoff,der mit den Radikalen eine Paarung eingeht. Dadurch mußteauch die chemische Formelsprache eine Änderung erleiden. Wieschon angedeutet, ist uicht die Gesamtheit der nenen Kolbe scheuLehren, die ihren AusgaugSPuukt, das elektrochemische System vonBerzelius , uicht verleugnen wollen und können, in den dauerndenBesitz der Wissenschaft übergegangen, aber die Anregung, welchevon ihnen ausging, hat sich jedenfalls in hohem Grade nachhaltigeriviesen. Die scharfe Scheidung zwischen Molekül nnd Atom,welche in jenen Jahren in den Mittelpunkt aller chemischen Kon-troversen zu treten begann, ist bei Kolbe noch nicht durchgeführt,und auch die Ansicht, daß der die Paarung bewirkende Stoff —Radikal oder Element — die Verbindung nur untergeordnet be-stimme, mnßte ausgegeben werden, nachdem Frankland (1852)gezeigt hatte, daß die vou Williamson als Sättigungskapazitäteingeführte Größe von der Art der Paarung stark abhängig ist.
Frau klands ganze Tendenz ging dahin, die Gruudanschauuugeu,die ihn mit Kolbe verbanden, und die in letzter Instanz erwähnter-maßen in dem von Berzelius bereiteten Boden wurzelten, mitden Typentheorien zu befreunden; erkannte er doch das Verdienstund den Wert dieser letzteren rückhaltlos an, obwohl er ihnen zumBorwurfe machte, daß lediglich auf die Anordnung, zu wenigaber auf die spezifische Natur der Atome in ihnen Gewichtgelegt werde. Je weiter Franklaud in seinen Untersuchungenfortschritt, desto bereitwilliger zeigte er sich, die Konkordanz mitder von den französischen Führern patronisierten Schule anzu-bahnen; „für die Typiker", so kennzeichnet Ladenburg dieseDurchgangsphase, „war Franklands Übertritt ein Gewinn, deuner brachte ihnen fremde Anschauungen mit, die sich trefflich ver-werten ließen." Das frühere geistig-intime Verhältnis zwischen