728 XIX. Die Emanzipation der physikalischen Chemie.
Kopps Arbeiten führen uns beiläufig sechzig Jahre zurück.Sie beziehen sich vorwiegend auf die Ermittlung des Siedepunktesder verschiedensten Stoffe, und durch ausgiebige Verwendung desKalorimeters, das damals noch in sehr primitiven Formen dochschon gute Dienste that, wurde die Möglichkeit geschaffen, spezifischeWärmen mit größerer Schärfe bestimmen und dieselben zn denspezifischen Volumina in Beziehung setzen zu können. Auch dieneuen Aufschlüsse über Jso- und Polymorphismus verwertete Koppfür die physikalische Atomistik, und eine geschichtlich sehr beachtens-werte Abhandlung aus dem Jahre 1863 suchte den Aufbau ausAtomen als eine Konsequenz der geometrischen Llrystallform dar-zustellen. Auch die Frage nach einem möglichst zuverlässigen Hilfs-mittel zur Bestimmung von Dampfdichten war damals bereitsin den Vordergrund getreten, und nicht von physikalischer, sondernvon chemischer Seite wurde zuerst ein wirklich sicheres Verfahrenfür diesen Zweck angegeben. Dumas und Gay-Lussne warendie Vorkämpfer auf diesem Gebiete, und ihre Methoden haben sich,wenn auch mit Abänderungen, bis zum heutigen Tage in denLaboratorien erhalten. Nach Dumas bringt man die zu prüfendeFlüssigkeit iu eine Glaskugel, an die eine sich stetig verjüngendeGlasröhre angeblasen ist, erwärmt die gefüllte Kugel im Olbadeund läßt sie hier so lange sieden, bis das Entweichen der Dämpfeaufgehört hat, und schmilzt nun die Spitze der Ansatzröhre zu,um sodann eine Gewichtsbestimmung auszuführen. Eine sehr ein-fache Formel liefert jetzt die Dichte des Dampfes für jene Tem-peratur und jenen Luftdruck, bei welchen das Sieden statthatte.A. W. Hofmann und V. Meyer haben, um von anderen zufchweigen, das nämliche Problem bearbeitet; wir sehen, daß das-selbe, obschon es auf deu ersten Blick entschieden als ein der Physikangehöriges betrachtet werden müßte, trotzdem auf die Chemiker dieweitaus größere Anziehungskraft ausgeübt hat. Und das ist leichtzu begreifen, weil die Dampfdichte ihrerseits wieder dazu dient,das Atomgewicht eines Elementes zn finden. Schon gleich imAnfange wurde auf die Wichtigkeit des Satzes von Avogadrohingewiesen, welche der Mitwelt nicht zum richtigen Bewußtseinkam, der aber das Korollar in sich schloß: Die Molekular-